Leitwort

Der Sommer ist verflogen, gefühlt zumindest. Der Herbst kündigt sich an auf unserer Insel, mit frischeren Temperaturen, mit Regen und dem ersten heftigen Wind. Ich mag das, bin selbst im Herbst geboren und liebe diese Jahreszeit.

„Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,

Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,

Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.

Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!“

so hat es die jüdische Dichterin Mascha Kaléko in ihrem Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“ formuliert und treffender geht es nicht, finde ich.

(Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß, herausgegeben und eingeleitet von Gisela Zoch-Westphal, München 222002, 70).

Der Wechsel der Jahreszeiten tut wohl. Ewiger Sommer mit Hitze und Dürre oder ewiger Winter mit Eis und Schnee und klirrender Kälte – dem Leben förderlich ist das nicht. Gedeihliche Kreisläufe brauchen das Werden, Wachsen und Vergehen, nicht nur das eine oder das andere. Sie brauchen den Abschied vom einen und das Willkommen-Heißen des anderen im steten Wechsel.

Dieser stete Wechsel ist gefährdet. Wir leben inmitten großer klimatischer Veränderungen, menschengemacht die allermeisten. Vielen bereitet das große Sorgen und es ist richtig und wichtig, am eigenen Bewusstsein dafür zu arbeiten, was jeder und jede Einzelne von uns, beginnend im ganz Kleinen, Persönlichen tun kann, um diesen Prozess nicht noch mehr zu beschleunigen. Dankbar können wir sein für alle, die nicht müde werden, zu warnen und zu mahnen, sich nicht kleinkriegen lassen von der Ignoranz derer, die in engstirniger Wir-zuerst-Mentalität unübersehbare Fakten zur Seite schieben und sich verabschieden aus gemeinsam wahrgenommener globaler Verantwortung.

In aller Nachdenklichkeit und Sorge klingt da für mich ein Satz sehr tröstlich. Worte, die Gott den Menschen mit auf den Weg gibt nach dem Ende der Sintflut, sein Versprechen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ – 1. Mose 8,22.

Die Welt bewahren, die uns umgibt und von der wir leben, pfleglich mit ihr umgehen – das ist unsere Aufgabe und die große Herausforderung unserer Zeit. Ein Umdenken in nahezu allen Bereichen des Lebens und ein neues Bewusstsein für die Großartigkeit und Sensibilität unserer Erde ist dafür nötig.

Gott sorgt für seine Erde, seine Menschen, sorgt für wohltuend verlässliche Kreisläufe. Für ihren Erhalt nimmt er uns mit in die Verantwortung. Tun wir das Unsere, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

 

Einen nicht nur stürmisch-grauen, sondern immer wieder auch goldenen Herbst wünsche ich uns, in allem gestärkt und geleitet von Gottes Segen.

Ihre/Eure Pastorin Dr. Christiane Eilrich