Leitwort

„Es kommt ein Schiff, geladen / bis an sein höchsten Bord, /

trägt Gottes Sohn voll Gnaden, / des Vaters ewigs Wort.“

Evangelisches Gesangbuch, Nr. 8 – Strophe 1

 

Mein liebstes Adventslied ist das. Ein ruhiges Lied, gedämpft in der Stimmung, noch nicht voller Jubel, sondern nachdenklich und zurückgenommen. Ein Lied für den Advent, die Zeit vor dem Weihnachtsfest. Ein Lied, das so ganz anders klingt als das, was uns üblicherweise in der Adventszeit in die Ohren dringt: „Fröh-hö-liche Weihnacht“ schon überall, „Jingle Bells“, „Stille Nacht“, „O Tannenbaum“ und „O du fröhliche“ auf allen Kanälen und das spätestens ab dem 1. Advent. Kein Wunder, dass alle diese Melodien manch einem zum Weihnachtsfest selbst dann schon längst eher auf die Nerven gehen als die Festtagsfreude zu fördern, und auch der schon so frühzeitig besungene Tannenbaum unmittelbar nach dem Fest am 25. Dezember so bald wie möglich entsorgt wird und auf der Straße landet.

Wir nehmen so vieles vorweg in der Adventszeit. Worauf warten wir noch in dieser Zeit? Ist nicht schon immer alles da, und das in Überfülle, an Essbarem, an dem, was es zu hören und zu sehen gibt? Gibt es da noch etwas, das wir erwarten? Gibt es sie noch, die Vorfreude? Gibt es das noch, das gespannte Warten? Ja klar, auf die Geschenke. Das bestimmt. Die gibt es bei den allermeisten dann wohl tatsächlich immer noch erst zum Fest selbst. Diese Zeit aber, die Adventszeit, die möchte anderes, die möchte mehr: sie möchte uns bremsen, sie möchte uns Mut machen, mindestens einen Gang zurückzuschalten, uns nicht nur von außen berieseln zu lassen, sondern den Blick in diesen Woche vor dem Fest eher nach innen zu richten, um zu erforschen und danach zu fragen, worauf wir uns da eigentlich zubewegen, wenn wir den Weihnachtsstern in den Blick nehmen, Engel, Könige und Hirten, und irgendwann vielleicht ankommen an der Krippe.

 

„Es kommt ein Schiff, geladen / bis an sein höchsten Bord, /

trägt Gottes Sohn voll Gnaden, / des Vaters ewigs Wort.“

 

Das Schiff, es bewegt sich ruhig, es gleitet dahin. Und an Bord, da ist der, um den es zu Weihnachten geht.

Kein ungebremstes, atemloses Zurasen auf das Fest also, sondern ein behutsames Unterwegssein, besonnen und konzentriert, bis das Ziel erreicht ist. Festfreude, die wachsen darf.

Das Schiff, von dem da im Lied die Rede ist, ist ein Bild für Maria. Das Lied ist eines der wenigen Marienlieder, die in unserem evangelischen Gesangbuch erhalten geblieben sind.

Maria trägt den Sohn Gottes in sich, er wächst in ihr heran. Das braucht seine Zeit. Sie bringt ihn zur Welt, zu uns, wenn die Zeit gekommen ist.

 

„Zu Bethlehem geboren / im Stall ein Kindelein, / gibt sich für uns verloren; / gelobet muss es sein.“ – EG 8, Strophe 4

 

Wir warten mit Maria auf die Ankunft ihres Kindes. Advent heißt Ankunft.

Dass uns die Zeit geschenkt wird, diese Ankunft vorzubereiten, ihm Raum zu schaffen in unseren Häusern und in uns selbst, Gott einzuladen und einzulassen in unser Leben, damit es hell werden kann, das wünsche ich uns.

 

Eine erwartungsfrohe Adventszeit, ein gesegnetes, erfülltes Fest und sichere, bewahrte Schritte in das neue Jahr!

Ihre / Eure Pastorin Dr. Christiane Eilrich