Jeden Tag neuen Mut – Geistliches in dieser Zeit – Gedanken für den Tag von Pastorin Dr. Christiane Eilrich

Es sind Zeiten, wie sie wohl kaum jemand von uns bisher erlebt hat.

Die Corona-Krise fordert uns vielfältig heraus.

Und auch wenn wir mittlerweile auf dem Weg einer Lockerung etlicher der Maßnahmen und Beschränkungen sind, die in den vergangenen Wochen verhängt werden mussten, bleibt das Virus eine Bedrohung, die, weil nicht sichtbar, diffus daherkommt und die wohl auch leider noch nicht vorüber ist, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen.

Weiterhin braucht es Vergewisserung in dieser Zeit. Das Empfinden und Erleben, dass wir weiterhin füreinander da sind. Das Bemühen darum. Und die tägliche Zusage unseres Gottes, dass er nicht fern, sondern uns nahe ist, uns beisteht und hilft, uns ermutigt.

Einen Vers aus der Bibel, aus den täglichen Losungen habe ich seit dem 18. März 2020, seit dem Beginn der Krise an dieser Stelle täglich mit auf den Weg gegeben, dazu jeweils einige geistliche und theologische Gedanken.

Noch bis zum Pfingstfest werde ich das so fortführen.

Danach soll es an dieser Stelle wöchentlich, jeweils am Sonntag, zum Beginn jeder neuen Woche, ebenfalls ausgehend von den biblischen Losungen, einen geistlichen Impuls geben.

 

Bleibt bewahrt.

Ihre/Eure Christiane Eilrich

 

TAG DER AUSGIESSUNG DES HEILIGEN GEISTES

PFINGSTSONNTAG, 31. Mai 2020

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“

Wort für den Pfingsttag und die Pfingstwoche aus dem Buch des Propheten Sacharja (4,6b)

Gottes Geist – nicht erst Christinnen und Christen wissen von dieser Kraft, die Himmel und Erde miteinander verbindet, Grenzen überwindet, die Verstehen lehrt und Menschen in Bewegung setzt.

Vom „Geist Gottes“, der „über dem Wasser“ schwebt, hören wir schon in den allerersten Sätzen der Bibel, am Beginn der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,2): die alles Leben erschaffende und allem Leben innewohnende Urkraft. Kraftvoll und doch so ganz anders als menschliche Macht und Gewalt ist er am Werk: Leben schaffend und heilvoll.

Auch der Prophet Sacharja weiß darum, wenn er „Heer und Kraft“, die Militärgewalt von Menschen, dem göttlichen Lebendigmacher gegenüberstellt.

Pfingsten ist das Fest dieses machtvollen Geistes.

Er kommt zu den Jüngern nach Jerusalem – davon wird in der Pfingstgeschichte, der Geschichte zum Fest erzählt (Apostelgeschichte des Lukas 2,1-21). Es ist ein feuriger Geist, der stark macht und die Anhänger Jesu in die Lage versetzt, das Evangelium von Jesus Christus in allen Sprachen zu verkünden. Auf einmal sind sie Prediger für die ganze Welt. Sie sind begabt – die Begabten schlechthin. Die Geistbegabten, Begeisterten. Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche.

Eine Geschichte voller kraftvoller Bilder ist die Pfingstgeschichte. Und dennoch bleibt dieser „Heilige Geist“ für viele abstrakt, so sehr, dass heutzutage auch nicht mehr viele wissen, was zu Pfingsten überhaupt gefeiert wird.

Der Heilige Geist kommt als begeisterndes Feuer zu den Menschen. Und er ist ein Mutmacher und ein Tröster. Als sich die Zeit von Jesu irdischem Leben dem Ende zuneigte, versprach er seinen Jüngern, ihnen diesen Geist zu schicken. Er wusste schon damals, dass es für sie nicht leicht werden würde, ihren Glauben am Leben zu erhalten, wenn er selbst nicht mehr da sein würde, wenn andere an den Kreuzen der Welt vorbeigehen und hämisch fragen würden: ´Na, wo ist denn jetzt dein Gott?´

Die, die an Jesus glauben, müssen auch nach den Erfahrungen von Ostern und Himmelfahrt damit zurecht kommen, dass die Welt, in der Jesus sie zurückgelassen hat, von Heilung und verheißenem Frieden noch weit entfernt ist, vielmehr recht oft äußerst trostlos erscheint.

Hier fordert der Heilige Geist uns heraus. Er lehrt uns, selbst zu gehen und zu laufen. Er lehrt uns, Unfertiges und Vorläufiges zu ertragen, ganz im Alltag der unerlösten Welt zu sein und unsere Hoffnung auf Erlösung und Vollendung dabei zugleich ganz auf ihn zu setzen.

Der Heilige Geist ist bunt und vielfältig – so, wie das echte Leben, denn: soll er alltagstauglich sein, kann er nicht weniger umfassend sein als unser alltägliches Leben. In der Kraft des Heiligen Geistes stehen wir also nicht außerhalb der Wirklichkeit. Mitten in dieser Wirklichkeit aber brauchen wir Begeisterung und Trost, einen, der und leitet und lehrt – und die Einsicht, dass wir gerade auch als Kirche immer beides sind: begabt und zugleich bedürftig. Als Christinnen und Christen müssen wir nicht immer stark und wortgewandt sein. Wir dürfen durchaus auch bedrückt sein über die unfertige Welt, den Mangel an Frieden, die Unwahrheiten dieser Welt. Wir dürfen an dieser Welt leiden und wir sollen uns trösten lassen. Wir dürfen zweifeln und Fragen stellen, denn es ist besser, den richtigen Weg noch zu suchen, als unkritisch auf dem falschen unterwegs zu sein. Wir sind die Gemeinschaft derer, die in ihren unterschiedlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen vom Geist Gottes zusammengehalten wird.

Dieses Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Gaben war noch nie einfach – nochmal mehr, wenn jeder sich je für sich darauf beruft, mit Gottes Geist unterwegs zu sein. Habe ich den Geist oder hast du ihn, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind? Woran kann ich erkennen, welche Wahrheit vom Geist Gottes kommt?

Gottes- und Menschenwort müssen auseinandergehalten werden Das ist keine einfache Aufgabe. Und sie braucht Übung. Immer wieder aufmerksames Hinhören und Nachfragen im Gebet. Und letztlich müssen wir dann doch bei allem Bemühen feststellen: wir können niemals zweifelsfrei wissen, welche Wahrheit göttlich ist. Zweifelsfreiheit hat Gott offenbar nicht vorgesehen. Und gerade weil das so ist, ist die Mahnung des Geistes die, dass die Suche und das Fragen nach Wahrheit niemals aufhören darf. Bei den Christen, bei den Menschen überhaupt. Der Geist erinnert daran, dass ehrliches Suchen stets besser ist als Lästern über die vermeintlichen Irrtümer der anderen; dass wir uns beileibe nicht immer einig sein müssen, einander widersprechen dürfen, miteinander ringen sollen um Wahrheit – solange wir niemals vergessen, dass Glaube etwas anderes ist als Wissen. Und dass der Heilige Geist als Geist der Wahrheit jener ist, der letztlich Frieden stiftet und dem Frieden dient. Am Frieden, dem inneren und dem äußeren, lässt er sich erkennen.

„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14,27) – mit diesen Worten nimmt Jesus Abschied, mit diesem Versprechen, dieser Verheißung, diesem Auftrag. Er traut uns viel zu, hat uns anvertraut, was er auf Erden begonnen hat, sein Werk, seine Botschaft. Im Geist sind und bleiben wir mit ihm verbunden, begnadet und begabt, mutig, getrost und froh im Glauben und Hoffen und Lieben.

 

Sonnabend, 30. Mai 2020

„Bileam sprach: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könne ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN.“

Aus dem 4. Buch Mose (22,18)

Eine besondere Geschichte ist das. Die Geschichte von Bileam und Balak, vom Volk Israel, das zurückkehrt aus Ägypten, von den Völkern von Moab und Midian, jenseits des Jordan, von kriegerischer Eroberung und dem verzweifelten Versuch dieser Völker, sich dem weiteren Vormarsch der Israeliten in den Weg zu stellen. „Siehe, es ist ein Volk aus Ägypten gezogen, das bedeckt das ganze Land und lagert mir gegenüber“, so klagt Balak (4. Mose 22,5), und weil das so ist, holt er sich Bileam zu Hilfe.

Balak war der König der Moabiter. Östlich des Toten Meeres war ihre Heimat.

Bileam lebte am Fluss Euphrat, noch weiter östlich. Sein Ruf aber eilte ihm voraus. Er galt als einer, der machtvoll segnen oder auch verfluchen, das Leben fördern oder den Tod bringen konnte.

Balak bittet ihn zu sich. Er bittet ihn um Hilfe. Bileam soll den bedrohlichen Vormarsch Israels aus Ägypten durch einen Fluch stoppen.

Bileam versucht es. Aber er scheitert. Der von Balak gewünschte Fluch gerät Bileam letzten Endes zum Segen, zum Segen über Israel. Dem darin machtvoll wirkenden Gott Israels kann Bileam sich nicht entziehen. Er versuchte es mit verschiedenen Mitteln, auf verschiedenen Wegen – in der Bileam-Geschichte (4. Buch Mose 22-24) wird davon bunt und mit vielen Wendungen und in eindrücklichen Bildern erzählt.

Gott will keinen Fluch, keinen Fluch über sein Volk Israel. Er lässt es nicht zu. Und Bileam ist hellhörig genug, diese Botschaft zu empfangen und irgendwann auch klug genug, sich ihr nicht mehr zu widersetzen. Am Ende da segnet er.

Es sind kriegerische Geschichten, die hier im 4. Buch Mose erzählt werden. Geschichten von blutigen Schlachten und besiegten Menschen und Völkern.

Um das Land Israel wird gekämpft, mit beinahe allen Mitteln. Das war damals so und daran hat sich leider bis zum heutigen Tag nicht viel geändert. Der Konflikt, von dem auch in der Bileam-Geschichte erzählt wird, schwelt bis heute. Das ist zutiefst tragisch. Und da ist auch kein Hoffnungsstreifen am Horizont, dass es in Regie der gegenwärtig politisch Verantwortlichen in Israel andere als brachiale Wege im Umgang mit den ebenfalls im Land lebenden Menschen und Völkern geben könnte.

Gott will Segen. Richten wir unsere Gebete an ihn, dass dieser Segen, den er will und den er wirkt, Wege zum Frieden ebnen möge, zum aufrichtigen Ringen um Verständigung, zur Versöhnung, dass er hellhörige und kluge Menschen befähigen möge, miteinander an diesem Frieden zu bauen, kraftvoll, begnadet und mutig.

 

Freitag, 29. Mai 2020

„Die Jünger kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“

Aus dem Lukasevangelium (24,52-53)

Mit diesen Worten endet das Lukasevangelium. Die Jünger hatten Karfreitag und Ostern erlebt. Sie waren dem Auferstandenen begegnet, mehrfach. Machtvolle Erfahrungen waren das. Bewegende Erfahrungen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatten miterlebt, wie er zu Gott zurückkehrte. Auch das hatte sich ihnen zutiefst eingeprägt. In diesen letzten Momenten seines irdischen Lebens, in denen sie ihn noch einmal sahen, hatte er sie gesegnet, hatte sie berührt, sie so in Gang gesetzt, sie begeistert. Der Funke war übergesprungen und nun waren sie seine Zeugen, seine Boten, erfüllt von „großer Freude“. Betende Menschen waren sie, ausgerichtet auf Gott in all´ ihrem Tun und so bereit, die Botschaft hinauszutragen in die Welt.

Was hat sich erhalten von dieser Freude und dieser Begeisterung?

Wie wach, wie klar, wie bereit sind wir, uns ebenso von Gott ansprechen und in Dienst nehmen zu lassen?

Brauchen wir heute neuen Anschub? Neue Ermutigung?

Wir gehen hin auf das Pfingstfest, hören von der Sendung des Heiligen Geistes, von der flammenden Kraft, die uns vom Himmel erreicht, uns mit dem Himmel in Verbindung bringt und in Verbindung hält.

Wir können ihn einladen, diesen lebendig machenden Geist, auch zu uns, ihn willkommen heißen und seiner Kraft und seinem Wirken alles zutrauen:

„O komm, du Geist der Wahrheit, / und kehre bei uns ein, / verbreite Licht und Klarheit, / verbanne Trug und Schein. / Gieß aus dein heilig Feuer, / rühr Herz und Lippen an, / dass jeglicher getreuer / den Herrn bekennen kann.

Du Heilger Geist, bereite / ein Pfingstfest nah und fern; / mit deiner Kraft begleite / das Zeugnis von dem Herrn. / O öffne du die Herzen / der Welt und uns den Mund, / dass wir in Freud und Schmerzen / das Heil ihr machen kund.“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 136, Strophen 1 und 7

 

Donnerstag, 28. Mai 2020

„Der Kranke antwortete Jesus: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Aus dem Johannesevangelium (5.7-8)

„Willst du gesund werden?“ (V6) – auf diese Frage Jesu antwortet der Kranke am Teich Bethesda in Jerusalem mit dem, was wir im Wort aus dem Johannesevangelium für den heutigen Tag lesen.

„Willst du gesund werden?“ – was für eine merkwürdige Frage angesichts des Leids dieses Menschen, der bewegungslos am Ufer dieses Teiches liegt.

Seinem Wasser werden Wunderkräfte zugeschrieben. „Wenn es sich bewegt“, so erfahren wir es in der Geschichte, ist es wichtig, der erste zu sein, der hineinsteigt. Ansonsten ist die Chance vertan und es bleibt nur, auf das nächste Sich-Kräuseln der Wasseroberfläche zu warten.

„Willst du gesund werden?“ – Ja, ich will, müsste da doch die Antwort lauten, ganz klar, ganz unmissverständlich.

Der Kranke aber am Teich Bethesda, den Jesus anspricht, weicht der Frage aus. Dass ihm nochmal Heilung widerfahren könnte – er glaubt nicht mehr daran. Sein Elend, das ist ihm vertraut und das klagt er Jesus: Da ist niemand, der mir hilft. Ich liege hier ganz allein. Immer sind andere schneller als ich. Keine Hoffnung mehr auf Hilfe und Veränderung.

Und Jesus? – der geht nicht ein auf dieses Klagen, mit keinem mitfühlend klingenden Wort. Er bedauert den Kranken nicht, sondern sagt nur: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Was klingt da alles mit! –

´Halt dich nicht fest an dem, was bisher war´, sagt Jesus. ´Klammere dich nicht an all´ die vielen Augenblicke, in denen Du (wieder) enttäuscht wurdest´. ´Wage zu leben und hinter dir zu lassen, was dich lähmt´. Und: ´Lass dich ein auf diese neue Chance, die ich dir biete´: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Und der Kranke? – er lässt sich ein. Keinerlei Zögern mehr. Auf die Aufforderung Jesu hin wagt er den Aufbruch, steht auf, nimmt sein Bett, auf dem er so lange erstarrt gelegen hatte, und geht.

Jesus hat ihn in Gang gesetzt, ihn befreit aus dem Gefängnis seines Elends. Er hat ihn ermutigt, zurückzukehren ins Leben, der in ihm wohnenden Kraft neu zu vertrauen, sich aufzurichten und seiner Wege zu gehen.

„Willst du gesund werden?“ – das Wagnis neuen Lebens, neuer Wege statt des Verharrens im vertrauten Elend. Uns diese Frage stellen lassen, wo sie uns betrifft. Und immer zugleich die Ermutigung und Ermächtigung Jesu hören und erfahren: ´Lass zu, dass ich deine Fesseln löse und dich sende, mitten ins Leben´. „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

 

Mittwoch, 27. Mai 2020

Paulus schreibt: „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird´s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

Aus dem Brief des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Philippi (1,6)

Die christliche Gemeinde von Philippi – es war die erste Gemeindegründung des Apostels Paulus auf europäischem Boden. Auch in der Apostelgeschichte des Lukas (Kapitel 16) können wir davon lesen, innerhalb der Schilderungen seiner Missionsreisen durch die ganze damals bekannte Welt.

Philippi – hier kam die damals noch brandneue christliche Botschaft auf dem europäischen Kontinent an und fiel dort auf fruchtbaren Boden. Eine lebendige Gemeinde entstand, mit der Paulus innig und durch einen regen Briefwechsel verbunden war. Anders als mit seinen Christinnen und Christen in Korinth, mit denen es immer wieder heftige Auseinandersetzungen gab, theologische Streitigkeiten und Verwerfungen (den uns ebenfalls erhaltenen Briefen ist das zu entnehmen), war das Verhältnis zur Gemeinde in Philippi offenbar unbelastet. Von ihr nahm er sogar finanzielle Unterstützung an (Phil 4,10ff.), was er gegenüber den Korinthern ablehnte (2Kor 11,9).

Ungebrochen freundlich ist dann auch der Ton im Wort der heutigen Losung.

In den einleitenden Zeilen seines Briefes schreibt Paulus, er sei „guter Zuversicht“, dass der Glaube, den er mit Hilfe des Geistes Gottes in den Menschen der Gemeinde von Philippi geweckt habe, sie hindurchtragen werde durch ihr ganzes Leben, auch über die Grenze zwischen Leben und Tod bis hin zur Vollendung in Gottes Reich, dann, wenn wir hoffen dürfen, Christus zu begegnen und mit unserem Leben bei ihm ans Ziel zu kommen.

Glauben, der das ganze Leben umgreift, der es bestimmt. Glauben, der guter, heilvoller Grundton des Lebens ist, aus dem heraus sich alles Weitere entwickelt, lebendig wird und lebendig bleibt. „Das gute Werk“ nennt Paulus das.

Können wir sagen, dass solcher Glaube auch in uns wirkt? Können wir sagen, wer ihn in uns geweckt und hat wachsen lassen? Gibt es Menschen in unserem Leben, denen wir zubilligen (so wie die Menschen in Philippi es Paulus gegenüber getan haben), unseren Glauben als tragfähig zu beurteilen und deren Einschätzung uns so als Ermutigung dienen kann, unseren Weg froh und unverdrossen weiterzugehen?

Von Paulus erfahren auch wir freundliche Ermutigung. Er brachte den christlichen Glauben nach Europa. Er legte den Grund für eine Weitergabe von Generation zu Generation. „Das gute Werk“ hat damals begonnen. Bis heute wirkt es fort, wenn wir den Geist Gottes wirken lassen und ihm Raum geben. Bis heute wirkt es fort und „bis an den Tag Christi Jesu.“

 

Dienstag, 26. Mai 2020

„Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.“

Aus Psalm 14,2

Wer nach Gott fragt, der ist klug – so sagt es der Beter des 14. Psalms. Er sagt das, weil er ansonsten beobachtet: „… sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben, da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (V3)

Ein positives Menschenbild sieht anders aus.

Welches Erleben hinter dieser so pessimistischen Sicht steht, worauf sie sich gründet, das wissen wir nicht. Aber offenbar erlebt der Psalmbeter die große Mehrzahl seiner Mitmenschen so, dass sie mit Gott, seinen Geboten, seinen Worten und guten Lebensregeln nichts zu tun haben wollen.

„Es ist kein Gott“ (V1) – diese Rede hört er immer wieder um sich herum.

„Es ist kein Gott“ und da sagt uns dann auch keiner, was wir zu tun oder zu lassen haben, da schreibt uns keiner etwas vor, da müssen wir niemandem Rechenschaft ablegen, da sind wir unser eigener Herr, können tun und lassen, was wir wollen und was uns gerade passt.

Bis zum heutigen Tage gibt es Menschen, die genauso reden und wohl auch genauso empfinden. „Nicht Neues unter der Sonne“, würde der Prediger Salomos (1,9) wohl lakonisch sagen. Da hat sich nicht viel verändert über die vielen Jahrhunderte der Glaubensgeschichte.

Wohl niemals war es so, dass alle Menschen im Glauben an den einen Gott vereint waren. Und vermutlich wird es auch künftig niemals so sein. Manche Menschen wollen nichts hören vom Glauben und von Gott, vielleicht auch deshalb, weil sie noch nie haben empfinden können, dass Gott uns nicht unterdrücken oder klein und abhängig machen will, sondern uns helfen will zu leben, befreit, mutig, aufrecht und froh.

Wer nach Gott fragt, der ist klug, weil er nicht meint, das eigene Leben vollends aus eigener Kraft bewältigen zu müssen, weil er klug genug ist, einzusehen, dass nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist, dass nicht der Mensch die Welt geschaffen hat und sie täglich erhält (das genaue Gegenteil ist leider oft genug der Fall …), weil er auch einmal absehen kann von sich selbst, aufbrechen kann aus dem Kreisen um sich selbst, den Blick weiten und nach Gott fragen kann, dem Anfang und Ziel allen Lebens.

„Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder“ und er freut sich über kluge, verständige, besonnene Menschen, auch und gerade in dieser Zeit.

 

Montag, 25. Mai 2020

„HERR, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.“

Aus Psalm 5,4

Ein „Gebet um Leitung und Bewahrung“ ist der 5. Psalm, so lautet seine Überschrift in der aktuellen Luther-Bibel.

Vom Gebet am frühen Morgen ist hier die Rede. Von einem Sich-auf-Gott-Ausrichten am Beginn des Tages.

„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus Christus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Herr, unser Gott, wir danken dir für die Ruhe der Nacht und dass Licht dieses neuen Tages. Lass uns bereit sein, dir zu dienen. Lass uns wach sein für dein Gebot. Du bist mein Heiland und Erlöser.“

diese Worte habe ich vor Jahren in geistlich-geschwisterlicher Gemeinschaft gelernt und spreche sie seitdem an jedem neuen Morgen unmittelbar nachdem ich die Augen aufgeschlagen habe.

Das tut mir gut, Tag für Tag.

Der Wunsch um Nüchternheit hilft, mich in Gelassenheit und Besonnenheit zu üben, später dann, wann immer Hektik und Aufgeregtheit mancher Tage mich zu überfluten drohen.

Die Bitte um Geduld hilft, einen Schritt nach dem anderen zu machen, mich selbst auch zu bremsen, wenn es nötig ist. Nicht immer gelingt das, beileibe nicht immer! Aber ich versuche, gerade wenn ich merke, dass ich mich (wieder mal …) verkämpfe, diese Bitte des Morgens bewusst zu erneuern, um mich wieder ins Lot zu bringen.

Der Blick auf Jesus Christus hilft mir an jeden Tag, den Gott werden lässt, mir klar zu machen: ich muss und ich kann meine Lebenskräfte nicht nur aus mir selber schöpfen. Wenn ich es versuche, bin ich schnell erschöpft. Das Bild vom Weinstock und den Reben hat Jesus einmal benutzt, um uns unsere Verbundenheit mit ihm sichtbar zu machen. In ihm können wir uns gründen, er nährt uns, er lässt uns wachsen, er lässt uns leben und weitergehen auf dem Weg, der uns aufgegeben ist, mit allem Schönen, aber eben auch allen Mühen, die dazugehören zum Leben.

„HERR, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.“ – sich an Gott wenden am Morgen für einen guten Beginn und dann auch am Abend für einen guten Beschluss des Tages, indem ich dann alles, was war, zurück in Gottes Hände lege.

Anders kann ich es mir nicht mehr vorstellen, bin froh und dankbar, mein Leben so ausrichten zu können – mit beiden Beinen fest auf der Erde ausgestreckt gen Himmel.

 

Sonntag, 24. Mai 2020

SECHSTER SONNTAG NACH OSTERN, EXAUDI

„Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.“

Aus dem Brief an die Kolosser (3,13)

„Exaudi“ heißt dieser sechste Sonntag nach dem Osterfest und er verdankt seinen Namen dem 27. Psalm, der ebenfalls an diesem Sonntag seinen Platz hat, in der Gemeinde gebetet wird: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“ (V7). Ein Sich-Ausstrecken nach Gott klingt da an, die Sehnsucht, gehört und wahrgenommen zu werden, der sehnliche Wunsch, dass mein Rufen den Himmel erreicht.

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten steht der Sonntag Exaudi, zwischen dem 40. und dem 50. Tag nach dem Osterfest. Es ist eine ´Zwischenzeit´, in der vieles in Bewegung ist. Es gilt weiter, Abschied zu nehmen – die Zeit der leibhaftigen Gegenwart Jesu auf der Erde ist vorüber. Es geht darum, sich neu zu sortieren und zu orientieren, sich der großen Verantwortung bewusst zu werden, die Jesus all´ denen übertragen hat, die ihm gefolgt sind und folgen. Sie sollen einstehen dafür, dass es weitergeht mit Jesu Botschaft in dieser Welt, während er dorthin zurückgekehrt ist, woher er kam: zu Gott, in sein Reich, seinen „Himmel“.

„Ascension Day is when Jesus started working from home …“ – frei übersetzt: „Himmelfahrt ist der Tag, an dem Jesus anfing, von zu Hause zu arbeiten“ – diese Definition, die schmunzeln lässt, erreichte mich in diesen Tagen. Und so ist es ja auch: Jesus kehrt „nach Hause“ zurück, verlässt die Erde wieder, auf der er in einem kleinen Land, an diesem einen, bestimmten Ort zur Welt kam, gelebt und gewirkt hat. Mit seiner Himmelfahrt weitet sich sein Wirkungsbereich aus auf die ganze Erde, ins Unendliche. Und auf der Erde, in den vielen, einzelnen kleinen und großen Orten, da sollen in seinem Namen die Menschen wirken, die im Glauben mit ihm verbunden sind, deren Herzen und Seelen er berührt hat und die so weitertragen, was sie von seinem Lehren und Wirken, Heilen und Versöhnen begriffen und erfasst haben.

Leben im Glauben in der Verbundenheit mit Gott und Jesus Christus. Wir tragen seinen Namen. Und als Christin erlebe ich eines stets als besonderes Geschenk: dass ich aus geschenkter Vergebung und Befreiung heraus leben darf. Immer wieder laufen Dinge schief im Leben. Immer wieder tun wir einander Unrecht. Immer wieder machen wir uns schuldig, das geschieht, wir sind Menschen und wir sind so. Vor Gott aber gibt es Auswege aus Versäumnissen, zugefügtem und erlittenem Unrecht und aus Schuld.

„Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.“ – die Worte der heutigen Losung. Gott macht uns vor, wie Vergebung geht, wie Neuanfänge gehen.

Er hört unser Rufen – davon zu erzählen, diese Aufgabe ist uns anvertraut, jedem und jeder von uns.

 

Sonnabend, 23. Mai 2020

Mose sprach: „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes.“

Aus dem 5. Buch Mose (11,26-28)

Ihr habt die Wahl, sagt Mose.

Wir haben die Wahl – uns Gott anzuvertrauen, auch dem, was er uns als Lebensregeln in die Hände legt, uns auf diese Regeln einzulassen im Vertrauen darauf, dass sie uns nicht einengen, knechten und klein machen, sondern uns aufrichten und dem Leben, dem Miteinander des Lebens dienen wollen.

Und wir haben auch die Wahl, einzustimmen in eines der Lieder aus unserem Gesangbuch und unseren Gott zu bitten:

„Bewahre uns, Gott, / behüte uns, Gott, / sei mit uns auf unsern Wegen. / Sei Quelle und Brot in Wüstennot, / sei um uns mit deinem Segen. / Sei Quelle und Brot in Wüstennot, / sei um uns mit deinem Segen.

Bewahre uns, Gott, / behüte uns, Gott, / sei mit uns in allem Leiden. / Voll Wärme und Licht / im Angesicht, / sei nahe in schweren Zeiten, / voll Wärme und Licht / im Angesicht, / sei nahe in schweren Zeiten.

Bewahre uns, Gott, / behüte uns, Gott, / sei mit uns vor allem Bösen. / Sei Hilfe, sei Kraft, / die Frieden schafft, / sei in uns, uns zu erlösen, / sei Hilfe, sei Kraft, / die Frieden schafft, / sei in uns, uns zu erlösen.

Bewahre uns, Gott, / behüte uns, Gott, / sei mit uns durch deinen Segen. / Dein Heiliger Geist, / der Leben verheißt, / sei um uns auf unsern Wegen, / dein Heiliger Geist, / der Leben verheißt, / sei um uns auf unsern Wegen.“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 171

 

Freitag, 22. Mai 2020

„Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR.“

Aus dem Buch des Propheten Jeremia (31,20)

Gott bricht es das Herz – was für ein Bild!

Gott ist nicht der, der in unnahbarer Ferne im Himmel thront, unberührt von dem, was ´dort unten´ geschieht.

Gott lässt sich vielmehr bewegen von dem, was seinem Volk, seinen Menschen widerfährt.

Nicht alles, was Gott sieht auf der Erde, was seine Menschen so tun, gefällt ihm. Er warnt. Er droht manches Mal. Das war schon damals so, zur Zeit des Propheten Jeremia.

Er sah sein Volk in sein Unglück laufen. Er zeigte seinen Menschen Auswege auf. Sie haben diese Wege nicht eingeschlagen. Sie wollten nicht hören, nicht umdenken, nichts anders machen als bisher.

Gott zwingt seinem Volk seinen Willen nicht auf. Und so muss er erleben, dass sie sich abwenden von ihm.

Es geht nicht gut aus. Zur Zeit des Propheten Jeremia sind es der Sieg der babylonischen Großmacht, die Zerstörung des Landes Juda, Jerusalems und des dortigen Tempels und die Gefangennahme des Volkes, die als Unheil über die damals dort lebenden Menschen hereinbrechen.

Und Gott? Ihm bricht es das Herz. Das, was er erlebt und sieht, berührt und bewegt ihn in der Tiefe seines Wesens. Und so bleibt er nicht beim Drohen, trägt auch kein triumphales ´Hab ich´s doch gesagt´ vor sich her, sondern wendet sich seinem Volk, seinen Menschen neu zu und schenkt so neue Zukunft, neues Leben.

Gott als „Vater unser“ anzusprechen – das hat Jesus uns gelehrt. Worte wie das der heutigen Losung aus dem Buch des Propheten Jeremia speisen diese Rede und das Bild von Gott als treu sorgendem, mitfühlendem und stets zu Vergebung und Neuanfang bereitem Vater. Er ist für uns da in allem, was uns bewegt.

 

CHRISTI HIMMELFAHRT, 21. Mai 2020

Christus spricht: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“

Wort für den Himmelfahrtstag aus dem Johannesevangelium (12,32)

Christi Himmelfahrt. 40 Tage nach dem Osterfest. Kein gerade populäres Fest, jedenfalls nicht in seiner christlichen Bedeutung. Der „Vatertag“ zieht da schon eher.

Himmelfahrtsszene an der Kanzel von St. Martin

Christi Himmelfahrt im Zeitalter der Weltraumfahrt – was lässt sich da überhaupt noch sagen über dieses Ereignis? Menschen blicken mittlerweile weit hinaus über die Wolken, erforschen Galaxien und Sonnensysteme. Nicht mehr Kirche und Theologen allein ist es vorbehalten, vom „Himmel“ zu reden. Und so muten auch Darstellungen der biblischen Szene rührend naiv an – auch die in unserer Kirche auf dem Foto, zu finden an der Kanzel, ein wenig versteckt allerdings. Krauses Gewölk ist da zu sehen, aus dem zwei Beine (vom Knie abwärts) herausragen. Der Rest des Körpers ist schon in den Wolken verschwunden. Die Menschen, die dem Himmelfahrer nachblicken, gestikulieren, scheinen aufgeregt zu sein. Ein wenig ratlos wirken sie und verwirrt. Sie bleiben zurück und er verschwindet vor ihren Augen.

Himmelfahrt bedeutet Trennung, bedeutet Abschied. Jesus lässt die Menschen, mit denen er sein Leben auf der Erde geteilt hat, zurück.

Abschiede sind nicht schön. Abschiede von denen, die uns lieb sind, wichtig und wert, die schmerzen und verunsichern uns. Das Leben wird anders, wenn jemand geht. Es wird anders, Vertrautheit schwindet. Wir müssen uns neu sortieren, uns einfinden in neue Rollen und wir müssen leben lernen mit dem Schmerz des Abschieds, mit der Lücke, die sich auftut und die sich nicht so einfach schließen lässt.

Jesus lässt seine Jünger zurück. Er verlässt sie. Zuvor aber – so wird es in der Himmelfahrtsgeschichte des Lukasevangeliums erzählt – „öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.“ (Lk 24,45).

Verständig werden. Erwachsen im Glauben. Zeuge werden und sein für das, was ich selbst erfahren habe. Mit Überzeugung dafür einstehen, dass mit dem Leben, Sterben und der Auferweckung Jesu von Gott her alles Wichtige gesagt und getan ist. Die Jüngerinnen und Jünger sind nun an der Reihe, die Welt so zu gestalten, wie Jesus es ihnen vorgelebt hat.

Jesus lässt seine Jüngerinnen und Jünger zurück. Er tut das, weil er ihnen sehr viel zutraut. Und: er segnet sie bevor er geht – auch davon erzählt die Himmelfahrtsgeschichte. Er lässt ihnen etwas da von seiner Kraft – als Ermutigung, als Trost, als Versprechen, dass die Verbundenheit mit ihm auch dann bestehen bleibt, wenn er vor ihren Augen verschwindet, nicht mehr zu sehen ist, dorthin zurückkehrt, woher er gekommen ist: in den Himmel. Und der „Himmel“, von dem hier die Rede ist, ist dann keine astronomische, mit Weltraumteleskopen, Satelliten und Sonden zu erforschende und zu entdeckende Größe, sondern das, was im Englischen mit dem Begriff „heaven“ beschrieben wird (im Unterschied zum sichtbaren „sky“): „Himmel“ als der Bereich von Gottes Macht und Gottes Gegenwart.

Dieser Himmel bleibt nicht in unerreichbarer Ferne. Er ist vielmehr ganz nahe bei uns, mitten unter uns, wo immer wir glauben können, dass der, der uns auf unseren Weg geschickt hat – so wie die Jüngerinnen und Jünger damals –, uns auch auf unserem Weg hält. Wir gehören zu ihm: „Ich will alle zu mir ziehen“, sagt er. Und auch uns traut er in dieser tiefen Verbundenheit sehr viel zu. Wir dürfen leben in seiner Kraft und aus seiner Kraft und wir dürfen und sollen weitertragen, was uns von seiner Liebe erreicht hat.

 

Mittwoch, 20. Mai 2020

„Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.“

Aus den Sprüchen Salomos (Proverbia 29,7)

Ein kluges Wort. Ein wahres Wort. Eines aus den vielen Sprüchen dieses biblischen Buches, das zwar nach dem weisen König Salomo benannt ist, für das er als Verfasser aber wohl nicht in Frage kommt – darüber ist sich die theologische Forschung einig.

Die „Sprüche Salomos“ oder „Proverbien“ zählen zur Weisheitsliteratur der Hebräischen Bibel, zusammen mit dem Buch des Predigers Salomo und dem Hiobbuch. Die Weisheitsliteratur diente der Erziehung, der Weisung zu rechtem Denken und Handeln. Ihr Ziel ist dabei nicht der bloße Erwerb theoretischer Erkenntnisse, sondern die Vermittlung weltgewandter Lebensklugheit. Gerade in den Proverbien finden sich dazu keinerlei lebendig-farbenfrohe Erzählungen wie in so vielen anderen biblischen Büchern, sondern vielmehr kurze, zumeist vollkommen unverbunden nebeneinanderstehende Einzelsprüche.

Der wohl bekannteste: „Wer (andern) eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (26,27),  oder eben auch dieser: „Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.“

Zeitlose Wahrheit drückt sich so aus, wird so weitergegeben – dass vor Gott nur der als gerecht gilt, der nicht nur um sich selbst kreist, sondern seinen Blick über sich selbst hinaus auf diejenigen lenkt, die materiell oder auf vielfältig andere Weise hilfsbedürftig sind, der nicht nur das eigene Wohlergehen im Blick hat, sondern auch das seiner Mitmenschen, die weniger haben, am Rande stehen, in Nöten sind.

Das ist ein moralischer Appell. Moral ist nicht gerade „in“. Aber ein solcher Appell tut wohl immer wieder Not – um uns den Blick zu weiten, um uns Wertschätzung zu lehren für das, was wir haben, selbst jetzt in diesen krisenhaften Zeiten, was uns bisher erspart geblieben ist, anders als in anderen Ländern dieser Welt, um uns aneinander zu weisen, weil Gesellschaft und jedwede Gemeinschaft nur so funktioniert.

 

Dienstag, 19. Mai 2020

„Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Aus dem Lukasevangelium (19,8)

Da dreht sich ein Mensch um 180 Grad, ändert sein Leben, sein Verhalten radikal. Und da mag es dann im Umfeld eines solchen Menschen einige geben, die davon beeindruckt sind, einige, die nur schlicht staunen, andere wiederum, die sich skeptisch fragen, wie tief diese Wandlung wohl tatsächlich geht und wie lange sie wohl anhalten wird.

Bei Zachäus wird das nicht anders gewesen sein. Er war unbeliebt bei den Menschen in seiner Stadt, in Jericho. Er war reich und das auch deshalb, weil er sich auf Kosten anderer bereichert, sie in seinem Beruf als Zöllner betrogen und übervorteilt hatte. „Sünder“ nennen sie ihn (19,7), empfinden ihn als irgendwie besudelt von seinem vielen Geld, das (sprichwörtlich) zwar „nicht stinkt“, aber doch manchen Charakter gewaltig zu verbiegen vermag.

Zachäus war reich und er hätte damit zufrieden sein können. Sich alles kaufen können, wonach es ihn verlangt. Sich alle Wünsche erfüllen können.

Alle Wünsche aber offenbar nicht. Zachäus trug (bewusst oder unbewusst) eine tiefe Sehnsucht in sich, das Gefühl: das, was bisher war, das, was ich bisher erreicht habe, das kann doch nicht alles gewesen sein. Irgendetwas fehlte ihm. Er war reich und satt und dennoch hungrig – hungrig nach aufrichtiger Zuwendung und Anerkennung, nach dem Ende gesellschaftlicher und sozialer Isolation, in die sein Beruf ihn getrieben hatte. Und ihm war offenbar schon bewusst, dass beim bisherigen Anhäufen seines Reichtums nicht alles mit rechten Dingen zugegangen und dabei manch einer seiner Mitbürger auf der Strecke geblieben war.

Zachäus „begehrte, Jesus zu sehen“, heißt es in seiner Geschichte im Lukasevangelium (19,3). Warum genau, wird nicht gesagt. Irgendein Ahnen wohl, ein Sehnen. Und es wird erzählt, dass er dafür extra auf einen Baum klettert, weil er ansonsten versunken wäre in der Menge der Menschen, die zusammenliefen, um Jesus in Jericho zu begrüßen und die ihn alle um mindestens einen Kopf überragten.

Zachäus muss kein Wort sagen. Er sitzt da auf seinem Baum. Und Jesus, als er dort vorübergeht, spricht ihn an und lädt sich einfach selbst ein in das Haus dieses „Sünders“. „Ich muss heute in deinem Haus einkehren“, sagt er (19,5). Und Zachäus, der „stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden“ (19,6), und er vollzieht in der Begegnung mit Jesus seine radikale Kehrtwende. Er hält sich nicht mehr fest an seinem Besitz, er gibt davon ab mit vollen Händen. Er gibt zurück, was er unrechtmäßig erworben hat. Und er ist glücklich mit diesem Tun, zum ersten Mal seit langer Zeit mit sich selbst im Reinen, von Zwängen und aus seiner Isolation befreit.

Die Begegnung mit Jesus hat das bewirkt. Jesus hat Zachäus in die Seele geschaut, hat alle Tiefen und Abgründe seines Wesens und Charakters gesehen und sich ihm dennoch freundlich zugewendet. Seine Verfehlungen der Vergangenheit hieß er damit keinesfalls gut, ließ Zachäus aber selbst erkennen, was es zu ändern galt. Das traute er ihm zu, hat ihn dazu in seiner bedingungslosen Zuwendung ermutigt.

Leben kann sich ändern und wandeln in der Begegnung mit Jesus, Leben kann zu innerer Klarheit finden, zu Heil und neuem Leben, denn: mit derselben Zuwendung begegnet Jesus auch uns, bis heute.

 

Montag, 18. Mai 2020

Jesus spricht: „Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Aus dem Johannesevangeliums (14,26)

Was der Heilige Geist alles tut: Er tröstet. Er lehrt. Er erinnert.

Seine Aufgabe ist das seit über 2000 Jahren, seit Jesus sein Erdenleben beendet hatte, seinen Lebens- und Leidensweg hin zum Sieg des Lebens über den Tod am Ostermorgen gegangen war und seine Jüngerinnen und Jünger nun auf den Abschied vorbereitete, der ihnen allen bevorstand. Jesus würde zurückkehren zu Gott, seinen Weg dort vollenden, wo er ihn begonnen hatte: bei Gott, seinem und unserem himmlischen Vater.

Jesus verlässt diese Welt wieder, verlässt sich aber auch darauf, dass seine Jüngerinnen und Jünger weitertragen werden, „was ich euch gesagt habe“ – seine Botschaft vom nahenden Reich Gottes, von Gottes Gegenwart in seiner Welt, von Gottes heilender, erbarmender Liebe.

Er verlässt sich darauf, zugleich weiß er jedoch, dass sein „Bodenpersonal“ Hilfe und Unterstützung brauchen wird, um sich dieser Aufgabe zu stellen, sie anzugehen und sie mit Zuversicht und Freude zu erfüllen.

Der Heilige Geist ist diese Hilfe und Unterstützung: Er tröstet, er lehrt, er erinnert – auch dann noch, wenn Jesus nicht mehr da ist, leibhaftig jedenfalls nicht.

Der Heilige Geist ist die unsichtbare Kraft, die seine Jüngerinnen und Jünger damals und uns bis heute mit Gott und mit Jesus in Verbindung hält, über alle Entfernungen, alle räumlichen und zeitlichen Distanzen hinweg. Er „weht, wo er will“, sagt Jesus an anderer Stelle (Joh 3,8), aber wer ihn um Hilfe, um Stärkung, um die rechten Gedanken und Worte, um Hilfe bei anstehenden Entscheidungen bittet, den wird er leiten, trösten, lehren, ermutigen und erinnern – daran, dass wir zu ihm gehören und nichts uns trennen kann von seiner Liebe.

 

Sonntag, 17. Mai 2020

FÜNFTER SONNTAG NACH OSTERN, ROGATE

„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“

Wort für diese neue Woche aus Psalm 66,20

„Rogate“, „Bittet“, „Betet“ – so heißt dieser Sonntag im Kirchenjahr, fünf Wochen nach dem Osterfest, und auch im Wochenspruch klingt dieses Thema an, vor allem aber der reiche Erfahrungsschatz des Psalmbeters – und das sind offenkundig positive, stärkende Erfahrungen:

Gott hört auf die Gebete seiner Menschen, sagt er, davon ist er überzeugt. Gott wendet sich den Menschen freundlich und gütig zu. Und den Psalmbeter bringt das dazu, Gott zu loben, ihm zu danken. Ich bin froh, in Gottes Gegenwart leben zu können- das ist der Grundtenor seiner Worte.

An diesem Sonntag Rogate übertragen wir aus unserer Morsumer Kirche einen weiteren, den mittlerweile dritten Fernsehgottesdienst über SYLYT1 TV (Link zum Gottesdienst hier auf unserer Homepage in der Rubrik „Wir gehen wieder auf Sendung“) und freuen uns über alle, die auf diesem digitalen Wege dabei sein mögen. Allen ein herzliches Willkommen und alle guten Wünsche für einen gesegneten Sonntag.

 

Sonnabend, 16. Mai 2020

Jesus spricht: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“

Aus dem Lukasevangelium (21,33)

Aus Jesu Rede über die Endzeit stammen die Worte der heutigen Losung. Das 21. Kapitel des Lukasevangeliums steht ganz im Zeichen einer Naherwartung, der Vorstellung, dass der Anbruch von Gottes Reich und damit das Ende der bisher bekannten und vertrauten Welt unmittelbar bevorsteht, möglicherweise sogar noch in der ersten christlichen Generation.

Bis zum heutigen Tage steht die Erfüllung dieser Erwartung und Verheißung noch aus. Gottes Reich, seine Welt, so wie sie einmal sein soll, versöhnt, gerecht, befriedet, die lässt sich in den allerhellsten Momenten unserer Gegenwart allenfalls erahnen. Kurze Momente können das sein, in denen wir das Gefühl haben: es ist alles gut, alles im Einklang. Diese Momente aber sind flüchtig und mehrheitlich da leben wir mitten in unserer (noch weitestgehend) unerlösten und gebrochenen Realität, inmitten unserer Unvollkommenheit, inmitten unserer Welt, die vom Reich Gottes himmelweit entfernt zu sein scheint.

Wir wissen nicht, wann „Himmel und Erde … vergehen“ werden. Manch einer wüsste es gern und schon immer wurde darüber spekuliert, auch in diesen Tagen, auch in manchen christlichen Kreisen. Ob die Corona-Pandemie ein Zeichen der Endzeit ist, ein Zeichen dafür, dass die Welt, so wie wir sie kennen, sich recht bald auflösen wird, vergehen wird und dann letztlich (endlich) verwandelt wird in einen neuen Himmel und eine neue Erde – so wird da gefragt und zumindest nahegelegt, dass da etwas dran sein könnte.

Ich mag mich diesen Spekulationen nicht anschließen. „Ihr wisst weder Tag noch Stunde“, sagt Jesus an anderer Stelle (Mt 25,13).

Anschließen mag ich mich jedoch der Hoffnung, die in diesen Endzeiterwartungen immer mitklingt, und dass schon hier und jetzt: Gott hält eine Zukunft für uns bereit, unser Leben läuft nicht ins Leere, sondern auf ihn zu, auf die Vollendung unseres Lebens bei ihm. Gott hält die Welt in seiner Hand und unser aller Zeit.

„Meine Worte werden nicht vergehen“, sagt Jesus. Auf ihn ist Verlass, auf seine Zusage, bei uns zu sein, uns nahe zu kommen, wenn wir ihn einladen, ihn hineinlassen in unser Leben, uns voranzugehen, zu einem Leben im Glauben zu ermutigen, das Gottes Reich zum Ziel hat. Er lehrt uns wachsen, auf Gott hin.

 

Freitag, 15. Mai 2020

„Der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not.“

Aus dem 5. Buch Mose (26,7)

Dieser eine Satz der heutigen Losung stammt aus einem Abschnitt des 5. Buches Mose (26,5-9), das  häufig als „Kleines geschichtliches Credo“ oder auch „heilsgeschichtliches Credo“ bezeichnet wird – ein „Credo“, ein „Ich glaube“, ein Glaubensbekenntnis, das gestaltet ist wie eine Zusammenfassung der Heilstaten Gottes an seinem Volk Israel. Vier geschichtliche Themen werden dabei genannt: zum einen der Auszug des aramäischen Urvaters („Mein Vater war ein Aramäer“; V 5) nach Ägypten, sein dortiges Fremdsein, aber auch das dortige Heranwachsen eines großen und starken Volkes; zum zweiten die Unterdrückung in Ägypten, der ´harte Dienst´, der dem Volk Israel dort auferlegt wurde (V 6); drittens der Hilferuf des Volkes und die Erhörung dieses Schreiens durch Gott (V 7); und viertens das Herausgeführt-Werden aus Ägypten, die Befreiung und Errettung und zuletzt die Ankunft im Land Israel, „dies Land, darin Milch und Honig fließen“ (Vv 8.9).

Gott erhört das Schreien, das Elend, die Angst und Not der Kinder Israels – eine Grunderfahrung des von Gott auserwählten Volkes kommt hier zum Ausdruck. Und um diese Erfahrung an jede nachfolgende Generation weiterzugeben, wird dieses „Credo“ formuliert.

Weitergeben von Glaubenserfahrung. Und damit immer zugleich Weitergeben einer Ermutigung: der Ermutigung, diesem Gott ebenso zu vertrauen wie die Generation zuvor, sich auf diesen Gott zu verlassen in allen frohen Stunden, aber auch und gerade dann, wenn Not hereinbricht, Sorgen und Ängste das Leben verdunkeln.

Sich Flüchten zu Gott. Und sich darauf verlassen, dass wir niemals tiefer fallen können als in seine geöffneten, uns tragenden Hände – von Arno Pötzsch stammt dieses Bild und es findet sich auch in einem Lied unseres Gesangbuchs:

„Du kannst nicht tiefer fallen / als nur in Gottes Hand, / die er zum Heil uns allen / barmherzig ausgespannt.

Es münden alle Pfade / durch Schicksal, Schuld und Tod / doch ein in Gottes Gnade / trotz aller unsrer Not.

Wir sind von Gott umgeben / auch hier in Raum und Zeit / und werden mit ihm leben / und sein in Ewigkeit.“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 533

 

Donnerstag, 14. Mai 2020

„Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“

Aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (13,5)

Dieser Aufforderung des Paulus zur Erforschung unseres glaubenden Herzens und dem Wahrnehmen der tiefen Verbundenheit mit Christus möchte ich heute einzig Worte aus einem der Lieder unseres Evangelischen Gesangbuchs an die Seite stellen.

Als Christinnen und Christen tragen wir seinen Namen und wir tragen Christus selbst in uns – als Grund und Quelle unseres Lebens.

„Bei dir, Jesus, will ich bleiben, / stets in deinem Dienste stehn; / nichts soll mich von dir vertreiben, / will auf deinen Wegen gehen. / Du bist meines Lebens Leben, / meiner Seele Trieb und Kraft, / wie der Weinstock seinen Reben / zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Könnt ich´s irgend besser haben / als bei dir, der allezeit. / Soviel tausend Gnadengaben / für mich Armen hat bereit? / Könnt ich je getroster werden / als bei dir, Herr Jesu Christ, / dem im Himmel und auf Erden / alle Macht gegeben ist?“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 406, Strophen 1 und 2

 

Mittwoch, 13. Mai 2020

„Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder.“

Aus dem 1. Buch der Könige (8,39)

Der berühmte, große, weise König Salomo ist es, der so redet. Bei der Einweihung des von ihm erbauten ersten Tempels in Jerusalem spricht er so. Gott allein, so sagt er es in seinem Gebet zur Einweihung des Tempels, durchschaut uns Menschen ganz, alle unsere Beweggründe, alle unsere Motive. Er weiß, ob wir ehrlich sind miteinander und mit ihm, wovon auch unser Beten getragen ist, ob es vom Grund der Seele aufsteigt oder ermattetes Ritual geworden ist.

Gefällt uns das, so angesehen und erkannt zu werden? Gefällt uns das, nichts verbergen zu können vor Gott? Kann das nicht auch bedrohlich klingen und entlarvend? Mag ich mich so zeigen?

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“ – aus dem 1. Buch Samuel (16,7) stammt dieser ganz ähnlich klingende Satz. Einer der beliebtesten Konfirmationssprüche ist das Jahr für Jahr. Und wenn Konfirmandinnen und Konfirmanden sich diesen Satz für ihren Schritt in ihr erwachsenes Glaubensleben aussuchen, dann ist das, nach dem, was ich höre, zuallererst Ausdruck von Sehnsucht: dass es da jemanden gibt, der mich so wahrnimmt und ansieht, wie ich nun einmal bin, vor dem ich nichts verheimlichen kann, aber auch nicht verheimlichen muss, weil Gottes Blick ins Herz etwas Wohltuendes, Ermutigendes und nichts Bedrohliches hat.

Gott blickt in unser Herz. Mag sein, dass ihm nicht immer alles gefällt, was er dort sieht. Aber auch das, was ihm nicht gefällt, kann er verwandeln, zum Besseren verändern. Wir können es ihm hinhalten, es ihm zeigen, ihn an uns wirken lassen.

Gott blickt in unser Herz und er will es hell machen, getrost und froh.

 

Dienstag, 12. Mai 2020

Paulus schreibt: „Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung, so dass ihr prüfen könnt, was das Beste sei.“

Aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi (1,9-10)

Erkenntnis- und erfahrungsgesättigte Liebe, die dabei hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen – das wünscht Paulus uns. Und was benötigen wir wohl dringender als gerade das in dieser Zeit?

Ein kleiner Stein mit „Liebe“ drauf – Fundstück vor der Morsumer Kirche

„Liebe“ – das meint hier weniger ein Gefühl, als vielmehr eine Haltung; die Haltung, nicht nur für mich selbst, sondern immer auch für meine Mitmenschen nach dem Besten zu fragen und zu suchen und zu streben; die Haltung, meinen Mitmenschen, Gutes, Heil und Wohlergehen ebenso zu wünschen wie mir selbst, nicht nur für mich selbst, sondern immer auch für sie darum zu bitten; die Haltung, einander in Achtsamkeit zu begegnen, in Sorge nicht nur um das eigene Wohlergehen, sondern immer auch um das des anderen.

Liebe als Gefühl – die empfindet man oder die empfindet man nicht, man kann sie nicht erzwingen, wenn sie nicht da ist.

Liebe als Haltung hingegen – daran kann man arbeiten, das kann man üben und kann sich bewusst machen, dass solches Üben auch nötig ist, weil das Einnehmen und das Wachsen und Gedeihen dieser Haltung immer neu erbeten sein will.

Paulus betet für uns, für das Wachstum unserer Liebe, für unsere Erkenntnis des Guten, ja des Besten. Wir können es ihm gleichtun – füreinander eintreten vor Gott und so einander zum Besten verhelfen: zu einem Leben mit klarem Blick, wachen Sinnen, gegründet in Gottes Menschenfreundlichkeit und Liebe.

 

Montag, 11. Mai 2020

„Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“

Aus dem Lukasevangelium (10,39)

Zwei sehr unterschiedliche Schwestern: Die eine, Marta, die sich „viel zu schaffen macht“ (10, 40) im Haus, wenn Gäste kommen, beim Bewirten, Versorgen, beim Nach-dem-rechten-Schauen, ob jeder noch alles hat. Die eine, die macht und tut und läuft, auftischt und ein- und nachschenkt. Und die andere, Maria, die alles das einfach der Schwester überlässt und sich stattdessen „dem Herrn zu Füßen“ setzt und auf das hört, was er zu sagen hat.

Aktiv und kontemplativ kann man diese beiden so unterschiedlichen Haltungen und Verhaltensweisen nennen. Gegensätzlich jedenfalls – und in der biblischen Geschichte, aus der der Vers der heutigen Losung stammt, sogar extrem konfliktträchtig. Marta jedenfalls beschwert sich bei Jesus, der sie in ihrem Haus besucht, über die (aus ihrer Sicht) mangelnde Hilfe und Unterstützung ihrer Schwester. Aufs erste Hören wird Jesu Antwort sie wohl nicht beglückt haben. Denn: Er erkennt ihre Mühen und Sorgen zwar an, er sieht sie, aber er sagt auch: „Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ (10,42).

„Das gute Teil“ – gerade jetzt frage wohl nicht nur ich mich, welche Haltung, welche Verhaltensweise, welche Rede es in diesen Tagen verdient, so genannt zu werden.

Die Rede derer, die weitreichenden Lockerungen der bisherigen Corona-Beschränkungen das Wort reden und in einer Mentalität des ´Nun ist gut´, ´Wir haben jetzt lange genug durchgehalten´ eine möglichst weitgehende Rückkehr zur Normalität fordern?

Oder die Rede derer, die nicht müde werden zu betonen, dass wir noch mitten drin stecken in der Krise, dass noch nichts wieder normal ist, dass da jetzt viel zu viel auf einmal passiert und der föderale Flickenteppich unterschiedlichster Maßnahmen im ganzen Land eher zu großer Verunsicherung und in Folge leider auch zu immenser Sorglosigkeit, Rücksichtslosigkeit, ja zum Ansteigen der „Kurve der Dummheit und Unvernunft“ führt, wie es im gestrigen Presseclub der ARD ein Journalist gesagt hat? – auch hier auf der Insel ist das mit Inkrafttreten erster Lockerungen leider zu beobachten.

„Das gute Teil“ erwählen – der Konflikt gerade jetzt zwischen der (menschlich verständlichen) Sehnsucht nach der Rückkehr von sozialem Leben, wieder möglichen realen Begegnungen, von Sorglosigkeit, Leichtigkeit, Aktion einerseits und den mahnenden Stimmen andererseits, die gegen alle Ungeduld und allen Überdruss um Geduld und Bedacht werben, die warnen vor Scheinsicherheiten und anhaltender Gefährdung und davor, bisher Erreichtes in Trümmer zu legen, wenn zu früh wieder zu viel gewollt und zugelassen wird.

„Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“ – dieser Satz und das, was Jesus zu dieser Haltung Mariens sagt, ermutigt mich zumindest dazu, mich auch weiterhin in Bedacht und Besonnenheit zu üben; etwas, das nur dann möglich ist, wenn ich bereit bin, hinzuhören, wenn ich denen mein Ohr leihe, die mit berufenem Munde sprechen, die sich nicht nur leiten lassen von durchschaubaren Eigeninteressen, sondern das Gemeinwohl im Blick haben und vor allem denen dienen, die am verletzlichsten und schwächsten sind. Wir brauchen Geduld, auch weiterhin, wir brauchen Abstand zwischen uns (leider), wir brauchen Rücksicht und Achtsamkeit, Umsicht und Klugheit. Und darum, all´ das aufzubringen Tag für Tag, auch in der kommenden Zeit, können wir unseren Herrn um seine Stärkung und Hilfe bitten. Er wird sie uns schenken: „Das gute Teil“.

 

Sonntag, 10. Mai 2020

VIERTER SONNTAG NACH OSTERN, KANTATE

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

Wort für diese neue Woche aus Psalm 98,1

Dieser Aufforderung dürfen wir in diesem Jahr an diesem Sonntag in öffentlichen Gottesdiensten jedenfalls nicht nachkommen.

„Auf der Grundlage der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse birgt gemeinsames Singen ein erhöhtes Infektionsrisiko. Deshalb muss Gemeindegesang, auch im Freien, derzeit unterbleiben.“ – so heißt es in den Handlungsempfehlungen der Nordkirche vom 4. Mai 2020, basierend auf aktuellen Verordnungen der Bundesländer.

Gemeindegottesdienste, die unter strengen Hygienemaßnahmen und Personenzahlbeschränkungen wieder erlaubt sind seit dem 4. Mai, ohne Gemeindegesang. Das ist unumgänglich in der ja trotz aller Lockerungen fortbestehenden Zeit der Krise, aber dennoch sehr befremdlich, noch einmal mehr an diesem Sonntag im Kirchenjahr mit dem Namen „Kantate“ = „Singet“!

„Wer singt, betet doppelt!“, so soll es der Kirchenvater Augustinus schon im 5. christlichen Jahrhundert gesagt haben. Und Martin Luther hat sich diese Überzeugung Jahrhunderte später zu eigen gemacht.

„Wer singt, betet doppelt!“ – weil Singen nicht nur durch den Kopf, sondern immer auch durch´s Herz geht, durch Leib, Seele und Geist. Der ganze Mensch ist beteiligt, bis in seine Tiefen. Singen macht Freude. Es stärkt. Es durchlüftet den Kopf. Und es verbindet miteinander und mit unserem Gott, wenn wir ihm ´neue Lieder´ singen. Singen ist Verkündigung, ebenso wie das gesprochene Wort. Gott hat uns auch diesen Weg geschenkt, um seine Nähe zu erleben, um von seinen Wundern zu erfahren und sie singend weiterzuerzählen.

Kein Gemeindegesang in einem öffentlichen Gottesdienst zur Zeit.

Niemand aber hindert uns daran,  es für uns zu tun und mit den Menschen, mit denen wir leben.

Dazu und für einen reich gesegneten Sonntag Kantate die ersten drei Strophen des Wochenlieds für diese neue Woche:

„Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön / dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen steht. / Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erde; / ich will ihn herzlich loben, / solang ich leben wird.

Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil! / Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, / das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; / sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht; / das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht: / der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer, / der Fisch unzähl´ge Herde / im großen wilden Meer.“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 302

 

Sonnabend, 9. Mai 2020

„Der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände.“

Aus dem 5. Buch Mose (2,7)

Mose spricht. Mose gegen Ende seiner Wirksamkeit, seines Auftrags, das Volk Israel 40 Jahre lang von Ägypten aus durch die Wüste zurückzuführen nach Israel, in das gelobte Land.

So wie Mose redet, so redet man nur im Rückblick, dann, wenn man Gewesenes im Blick hat, gelebtes Leben überschaut und feststellt: da gab es eine Menge Misslungenes, aber auch viel Gutes, vieles, aus dem Neues erwachsen ist, vieles, das Leben ermöglicht hat.

„Der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände.“ – wer bekommt das schon so zu hören? Alles, was ich mit meiner Hände Arbeit geschaffen habe, da lag Segen drauf … wer kann das schon sagen? Kaum jemand, denke ich. Das ist das Normale, das menschliche Maß.

„Vollende du, Herr, was wir an Gutem begonnen habe und wandle du in Segen, was unter unser Hand verdorben ist.“ – mit diesen Worten bete ich jeden Abend, im Bewusstsein, dass jeder Tag eine Mischung bietet aus Gutem und Misslungenem. Und da tut es gut, Gott alles das zu überlassen, worin ich an meine Grenzen gestoßen bin. Nur er kann Verdorbenes reinigen und zu neuem Leben erwecken, daraus doch noch Lebensförderliches erwecken. Und es tut gut, es mir im Bewusstsein zu halten, dass ich zwar Gutes anstoßen und auf den Weg bringen kann, Gott es aber vollenden muss.

Mose und sein Gott – das war eine besondere Geschichte; eine, die über das normal Menschliche weit hinausging. Sagen zu können: ´ich bin gesegnet in allen Werken meiner Hände´, das ist schon außergewöhnlich. Kaum jemand wird das, wenn er oder sie ehrlich ist mit sich, so sagen können.

Wenn wir in hoffentlich nicht allzu weit entfernten Tagen zurückblicken werden auf das Leben in und mit Corona, dann können wir uns glücklich schätzen, wenn wir bereits mit Blick auf diese überschaubare Zeitspanne unsres Lebens sagen können: unsere Hände haben in dieser Zeit Gutes bewirkt, waren, um es in der Sprache des Glaubens zu sagen, gesegnet. Wenn wir etwa füreinander da waren, und daraus eine tiefere Verbundenheit entstanden ist, als es sie vor dieser Zeit gab, dann wäre das schon etwas von diesem Guten.

Tun wir dazu, was wir können. Und lassen wir zu, dass Gott unsere Hände in Dienst nimmt, auch durch uns seinen Segen zu den Menschen bringt, mit denen wir leben und denen wir begegnen; seinen Segen, der Leben in die Tiefe wachsen, reifen und reich werden lässt.

 

Freitag, 8. Mai 2020

„HERR, lass mir deine Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe.“

Aus Psalm 119,77

176 Verse hat der 119. Psalm – der längste der 150 Psalmen, dieser Lieder und Gesänge, dieser poetischen Texte der hebräischen Bibel: Hymnen gibt es da, Thronbesteigungslieder, die das Königtum Gottes feiern, Zionslieder mit ihrer Sehnsucht nach dem Berg Zion und dem Tempel in Jerusalem, Klagelieder, Vertrauens- und Danklieder.

Der 119. Psalm wird auch „güldenes ABC“ genannt, weil je 8 Verse den gleichen Anfangsbuchstaben nach der Ordnung des hebräischen Alphabets tragen. Er ist sorgfältig durchkomponiert und er bewegt das Wort Gottes um und um: „Die Herrlichkeit des Wortes Gottes“ lautet die Überschrift in der Luther-Bibel. Gottes Weisung, seine Gebote, sein Gesetz bereiten dem Psalmbeter Freude, lassen ihn dankbar sein. Als Zusagen Gottes hört er sie, auf die er sich verlässt, auf die er baut, die für ihn „Licht auf meinem Wege“ sind (Vers 105), Richtschnur und Leben. Und Gottes Barmherzigkeit zu erfahren, worum mit den Worten der heutigen Losung gebeten wird, um leben zu können, hängt auch unmittelbar mit dieser Freude an Gottes heilvollen Weisungen zusammen – der 77. Vers des Psalm geht nämlich noch weiter: „denn“, so der zweite Teil des Verses, „denn ich habe Freude an deinem Gesetz“.

Freude und Dankbarkeit über Gottes gute Weisung, darüber, dass er sich uns mitgeteilt hat, dass  wir auf sein Wort hören und ihm folgen können – die lassen sich auch heraushören aus dem Text des Liedes in unserem Gesangbuch, das den Klang des 119. Psalm aufnimmt. Bekannt und vertraut ist es. Hier sind seine 4 Strophen:

„Wohl denen, die da wandeln / vor Gott in Heiligkeit, / nach seinem Worte handeln / und leben allezeit; / die recht von herzen suchen Gott / und seine Zeugniss´ halten, / sind stets bei ihm in Gnad.

Von Herzensgrund ich spreche: / dir sei Dank allezeit, / weil du mich lehrst die recht / deiner Gerechtigkeit. / Die Gnad auch ferner mir gewähr; / ich will dein Recht halten, / verlaß mich nimmermehr.

Mein Herz hängt treu und feste / an dem, was dein Wort lehrt. / Herr, tu bei mir das Beste, / sonst ich zuschanden wird. / Wenn du mich leitest, treuer Gott, / so kann ich richtig laufen / den Weg deiner Gebot.

Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich, / so weit der Himmel gehet, / der stets beweget sich, / dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit / gleichwie der Grund der Erden, / durch deine Hand bereit´.“

Evangelisches Gesangbuch (EG) 295

 

Donnerstag, 7. Mai 2020

„Du bist ein Gott der Vergebung, gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.“

Aus dem Buch des Propheten Nehemia 9,17

Zu diesem überschwänglichen Lob des Propheten heute gar nicht so viele Gedanken. Dieses Loblied auf Gottes gütiges, befreiendes Handeln – so, dass das Leben neu werden kann –, es soll einfach so erklingen. Und dazu noch eines meiner liebsten Lieder aus unserem Gesangbuch – auch dieses ein froher Lobgesang, der sich Worte aus Psalm 9 leiht, einem „Danklied für Rettung aus Bedrängnis“, so der Titel dieses Psalms in der Luther-Bibel:

„Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. /

Erzählen will ich von all seinen Wundern /

und singen seinem Namen.

 

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. /

Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. /

Halleluja. /

Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. /

Halleluja.“

 

Evangelisches Gesangbuch (EG) 272

 

Mittwoch, 6. Mai 2020

„Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Aus dem Lukasevangelium (1,78-79)

Jeden Tag sind diese Worte aus dem Lukasevangelium Teil meines Morgengebets.

Es sind Worte des Zacharias. Zacharias ist der Vater von Johannes dem Täufer. Und Johannes der Täufer ist der, der ein halbes Jahr älter war als Jesus. Die beiden waren über ihre Mütter verwandt. Und Johannes, der hat Jesus getauft. In Erfüllung eines Wortes aus dem Buch des Propheten Jesaja hatte er es als seine Aufgabe erkannt, „den Weg des Herrn“ zu bereiten, „seine Steige eben“ zu machen (Lk 3,4 mit Zitat aus Jesaja 40) und so die öffentliche Wirksamkeit Jesu mit vorzubereiten.

Worte des Zacharias, sein Lobgesang, das „Benedictus“ – so heißt dieser Text insgesamt, der im 1. Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 68-79 umfasst und so genannt wird, weil die lateinische Fassung mit diesem Wort anfängt: „Benedictus“ – „Gelobt“, „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk“ (1,68).

Das „Benedictus“ ist Teil des Morgengebets der Kirche. Der Lobgesang des Zacharias, den er anstimmte als seine Stimme ihm wieder gehorchte. Er hatte sie verloren eine Zeit lang. Er und seine Frau Elisabeth waren alte Leute. Und doch wurde ihnen in ihrem hohen Alter die Geburt eines Sohnes angekündigt – lang ersehnt, die Hoffnung auf die Erfüllung dieses Sehnens aber hatten sie längst aufgegeben. Und so war Zacharias äußerst skeptisch als er vom Engel Gabriel die Botschaft übermittelt bekam, ihm und seiner Frau solle ein Sohn geboren werden und dieser Sohn solle Johannes heißen. Angesichts seiner Skepsis verordnete der Engel Zacharias Schweigen, ein In-sich-Gehen bis zur Geburt seines Kindes.

Als es soweit war, war Zacharias erfüllt von Dankbarkeit. Er war dankbar für die Geburt dieses Kindes, durch dessen Leben und Wirken Gott, „das aufgehende Licht aus der Höhe“, seine Ankunft auf dieser Erde ankündigt und vorbereitet: er „wird uns besuchen“ in seinem Sohn Jesus Christus, so weiß es Zacharias. Er war dankbar für Gottes „herzliche Barmherzigkeit“, Gottes liebevolle Zuwendung zu seinen Menschen.

3 Monate nach Johannes wird Jesus geboren werden. Gott ganz Mensch und Gott ganz bei den Menschen, auch und gerade bei denen in Finsternis, Mut- und Hoffnungslosigkeit, in Nöten und Sorgen. Er wird Frieden schenken, denen, die ihn willkommen heißen, Frieden für unruhige Herzen und versehrte Seelen. Und er wird Tag für Tag dabei helfen, diese Wege des Friedens mit Gott, mit den Menschen, die uns begegnen in unserem Leben und uns selbst zu finden und zu gehen.

„Benedictus“ – „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk“.

 

Dienstag, 5. Mai 2020

„Gott breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. Er macht den Großen Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.“

Aus dem Buch Hiob (9,8.9)

Ein Bekenntnis Hiobs, des leidenden und mit Gott ringenden Menschen. Ein Bekenntnis zum Schöpfer des Himmels und der Erde. Ein Bekenntnis zum allmächtigen, allgewaltigen Gott. Ein Bekenntnis, das sich dieser Macht beugt, aber zugleich einräumt, dass sie ihn bedrängt, ja, sogar schlägt und bitter werden lässt: „Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen? Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.“, so sagt es Hiob (9,18-20) im gleichen Atem mit diesem Bekenntnis.

Hiobs Bekenntnis zum allmächtigen, allgewaltigen Gott ist eines, dass ihn auf die Knie zwingt, keines, das ihn aufrichtet, obwohl er das gerade so dringend brauchte. Was hat er alles erlebt? Was hat er verloren? Was muss er alles ertragen? – für ein einziges Menschenleben eigentlich viel zu viel.

Was hilft da der Glaube an den allgewaltigen Schöpfergott?

Mag sein, dass es hilft, glauben zu können, dass dieser machtvolle Gott alles irgendwie in seiner Hand hält, dass alles irgendwie einen Sinn hat, auch wenn ich ihn nicht oder noch nicht erkennen kann. Mag sein, dass das Demut lehrt, dass es lehrt, sich in Unausweichliches zu fügen.

Das mag sein. Ein solcher Gott bleibt jedoch stets in großer Distanz, ein großes Rätsel vielleicht sogar, an dem ich mich abarbeite mein Leben lang, mit dem ich ringe und manches Mal vielleicht auch der Verzweiflung nahe bin, weil es immer wieder Zeiten gibt, in denen ich Anderes brauchte als Allmacht und Größe, viel eher Verstehen und Nähe, etwas, das meiner Seele hilft, zur Ruhe zu kommen, dass mir die Bitterkeit aus dem Herzen nimmt und es stattdessen füllt mit verzeihender und erlösender Liebe.

Wie gut, dass unser Gott auch das für uns bereithält. Dass Jesus uns das Bild von Gott als erbarmender Liebe mit seinem ganzen Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen vor Augen stellt. Gott weiß um die Abgründe menschlichen Lebens, aus eigener Erfahrung auf dem Lebensweg seines Sohnes. Auch der Vater Jesu Christi, unser Vater, ist der machtvolle Gott – der, der neu ins Leben ruft, der stärker ist als der Tod. Kein Gott jedoch ist er, der „mich doch schuldig“ spricht (Hiob 9,20), sondern der, der befreit und stärkt und heilt, mitfühlend ist und uns in ganzer Tiefe kennt und versteht, anrührt und aufrichtet.

 

Montag, 4. Mai 2020

Der Knecht im Gleichnis sprach: „Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“

Aus dem Lukasevangelium (14,22-23)

„… dass mein Haus voll werde.“ – wie schön wäre das, jetzt, wo nach 6 Wochen der Corona-Beschränkungen seit heute einige Erleichterungen gelten und unter bestimmten Bedingungen auch wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden dürfen in unseren Kirchen.

„… dass mein Haus voll werde.“ – das wird leider auch unter diesen geänderten Bedingungen nicht möglich sein. Abstandsregeln, die einzuhalten sind, Mindestquadratmeterzahlen pro Gottesdienstbesucher, die bei der Entscheidung zugrunde zu legen sind, ob und wenn ja, wie wir in der nächsten Zeit Gottesdienst feiern können und wollen. In unserer kleinen St. Martin-Kirche in Morsum wären es nur wenige Menschen, die überhaupt hineindürften pro Gottesdienst.

Um es ganz klar zu sagen: ich halte diese Auflagen für richtig, hadere nicht im Geringsten mit ihnen. Unser aller Verantwortung besteht fort, auch unter den jetzt gelockerten Verordnungen unseres Bundeslandes, dazu beizutragen, dass das Corona-Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet. Wir sind noch nicht über den Berg, auch wenn wir uns wünschten, das wäre so.

„… dass mein Haus voll werde.“ – vielleicht aber dürfen wir ein wenig träumen und durchaus sehnsuchtsvoll in die Zukunft blicken: dass es wieder möglich sein wird, alle willkommen zu heißen und wohlmöglich sogar noch weitere hinzuzuladen. Diese Zeit wird kommen und diese Hoffnung kann uns helfen, durchzustehen, was es jetzt an Mangel und Einschränkungen, an Mühen und Unbequemlichkeiten gibt.

Und selbst jetzt gilt die Einladung unseres Gottes: zu ihm zu kommen, uns ihm zuzuwenden mit unseren Bitten, Fürbitten, unseren Gebeten füreinander, für unsere Welt, für alle, die uns am Herzen liegen. Gott lädt uns ein zu sich, in seine heilvolle und tröstende Gegenwart auch jetzt. Unsere Kirchen sind besondere Orte, an denen sich diese Gegenwart besonders innig erleben lässt – dafür wurden sie gebaut an dafür ausersehenen Orten. Gott Lob aber bindet er sich nicht ausschließlich an diese Orte. Er ist vielmehr überall dort, wo Menschen aufrichtigen Herzens nach ihm fragen und ihn suchen, sich ansprechen lassen von ihm, Ohren und Herzen auf Empfang stellen und so mit Gott, unter seinem Wort durch jeden neuen Tag gehen.

Gott ist da und er wird uns neue Fülle schenken, in seinem Haus und mittendrin in unser aller Leben.

 

Sonntag, 3. Mai 2020

DRITTER SONNTAG NACH OSTERN, JUBILATE

„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“

Aus den Briefen des Paulus an die Gemeinde in Korinth (1Kor 7,15)

Ein hehres Ziel: Frieden. Ein erstrebenswertes Ziel, das für manch einen zur Zeit in Frage steht, weshalb von so vielen Seiten so dringlich auf umfängliche Lockerungen der derzeitigen Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus hingearbeitet wird.

Gefährdeter gesellschaftlicher Friede durch massive Existenzsorgen, von denen so viele geplagt werden, die sich wohl kaum etwas sehnlicher wünschen, als endlich wieder arbeiten gehen zu dürfen und Geld verdienen zu können.

Gefährdeter familiärer Friede bei so vielen Eltern und Kindern, die ohne Schule und Kita und mit verordnetem HomeOffice absolut am Rande ihrer Belastbarkeit sind und sich wohl kaum etwas sehnlicher wünschen als die Rückkehr eines Stücks Normalität mit guter, verlässlicher Betreuung der Kinder und einem wohltuend strukturierten Arbeitsalltag außerhalb der eigenen vier Wände.

„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“ – auch Paulus formuliert diesen Satz, diese Aufforderung in seinen Korintherbriefen nicht mit Blick auf das Große und Ganze des Weltgeschehens, sondern mit Blick auf gesellschaftliches Miteinander, er konkret mit Blick auf das Miteinander von Mann und Frau in der Ehe.

Frieden schaffen und Frieden halten im täglichen Miteinander – das kann sehr herausfordernd und mühsam sein. Und vielleicht helfen da tatsächlich manche der Erleichterungen des täglichen Lebens, die von dieser neuen Woche an greifen sollen. Ich hoffe es sehr, bei aller großen Skepsis, die ich in mir trage, ob das Tempo, das da gefordert wird, nicht zu hoch ist, ob wir bisher Erreichtes nicht gefährden, indem zu rasch und zu massiv auf ein „Wieder-Hochfahren“ allen gesellschaftlichen Lebens gedrängt wird und dem an entscheidender Stelle nachgegeben wird.

Ein Satz von Ranga Yogeshwar, dem Physiker und Wissenschaftsjournalisten, der so grandios komplizierte naturwissenschaftliche Zusammenhänge erklären und anschaulich machen kann, begegnete mir gestern: „Statt die Maßnahmen als Erfolg zu feiern und sich über den bislang glimpflichen Verlauf zu freuen, wächst die Kritik an den Experten. Ein Irrsinn: Würden wir die Feuerwehr abschaffen, nur weil es im vergangenen Jahr nicht gebrannt hat?“ – so fragt er, wie ich finde, zu recht und stellt damit die in diesen Tagen begegnende Verunglimpfung namhafter Virologen in Frage nur weil deren „WorstCase“-Szenarien (Gott Lob!) bisher (in unserem Land zumindest) nicht eingetreten sind und weil sie weiterhin dringend warnen, dass wir beileibe noch nicht über den Berg sind.

„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“ – Ja, das hat er. Und jeder und jede ist dazu aufgerufen, an einem solchen Frieden im täglichen Miteinander zu arbeiten, das je eigene in unserem jeweiligen Umfeld dazu zu tun. Dazu gehört aus meiner Sicht allerdings auch, jetzt nicht blind denen nachzulaufen, die zur Zeit am lautesten rufen, die breiteste Lobby haben, die Ungeduld so vieler für ihre Zwecke instrumentalisieren.

„Zum Frieden berufen“ zu sein und nach diesem Frieden zu streben – das kann nach meiner Überzeugung gerade jetzt auch bedeuten, Geduld zu bewahren, auch wenn es schwerfällt, wenn die Sehnsucht nach der Rückkehr wohltuender Normalität, nach geregelter Arbeit, nach Begegnungen, Berührungen, lebendigem sozialen Miteinander übergroß ist.

„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“ – weil es um den Schutz und das Bewahren, die Pflege von Menschenleben geht in allen Bemühungen und fortbestehenden Beschränkungen dieser Tage und weil das Ringen um sozialen Frieden, zu dem Gott uns berufen hat und den er anmahnt, sich maßgeblich entscheidet an der Sorge und Fürsorge für diejenigen, deren Leben gerade in besonderer Weise gefährdet ist, den Schwächsten und Verletzlichsten.

„Zum Frieden hat euch Gott berufen.“ – Frieden schaffen und Frieden halten miteinander können wir nur, wenn wir Verantwortung füreinander empfinden, auch über das engste familiäre Umfeld hinaus, und wenn wir diese Verantwortung leben; und damit auch eine Berufung unseres Gottes.

 

Ein Gebet für den Sonntag Jubilate:

„Gott, du Schöpfer aller Dinge,

wie du die Natur zu neuem Leben erweckst,

so willst du auch uns Menschen erneuern

und einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,

in denen Gerechtigkeit wohnt.

Belebe uns, wecke uns auf aus aller Verzagtheit,

dass wir den Mut haben zu glauben

und auferstehen zum Leben mit dir.

Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft,

jetzt und in alle Ewigkeit.“

 

Sonnabend, 2. Mai 2020

„Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.“

Aus Psalm 51,13

Eine dringende Bitte ist das; eine, die von Angst und Sorge geprägt ist und vom tiefen Bewusstsein, sich schuldig gemacht zu haben.

Der vierte der sieben Buß-Psalmen (Psalmen 6, 32, 38, 51, 102, 130, 143) ist der 51. Psalm, aus dem diese dringliche, an Gott gerichtete Bitte stammt. Mit einer biblischen Geschichte ist dieser Psalm verknüpft, der auch, wie so viele andere, als eines der Lieder König Davids gilt; mit einer biblischen Geschichte, in der aus einer Begegnung, einer Erzählung und einem mutigen Wort das Bewusstsein erwächst, auf Abwege geraten und dringend der Vergebung bedürftig zu sein.

„Ein Psalm Davids, vorzusingen, als der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba eingegangen war.“ – so beginnt der 51. Psalm (Vv1.2) und verortet sich damit selbst. Um die Geschichte von König David und der schönen Batseba geht es, die er begehrt und in seinem Begehren sogar soweit geht, ihren Mann töten zu lassen (2. Buch Samuel 11). Um die Geschichte von David und dem Hofpropheten Nathan geht es, der ihm nach diesen Ereignissen die Geschichte vom reichen Mann erzählt, der seinem armen Nachbarn sein einziges Schäflein nimmt, obwohl er genug eigene hätte, die er seinen Gästen als Festmahl vorsetzen kann (2. Buch Samuel 12). David gerät in großen Zorn über den Mann, von dem Nathan ihm da erzählt, redet sich in Rage über die möglichen Strafen, die solches Tun verdient hätte. Nathan stoppt diesen königlichen Redeschwall mit nur vier kleinen Worten: „Du bist der Mann!“ (im Hebräischen sind es sogar nur zwei Worte: „Ata Ha-Isch!“; 2Sam 12,7), entgegnet er David, und dessen selbstgerechte Wut fällt, wie bei einem angestochenen Luftballon, in diesem einen Augenblick in sich zusammen.

„Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.“ – eine flehende Bitte, geboren aus der Angst, wegen etwas, das ich getan habe, verworfen, abgelehnt, zurückgewiesen zu werden von Gott, von seiner Leben spendenden Kraft, seinen Geist, getrennt zu werden und so ins Bodenlose zu stürzen.

Es ist nicht schön, so zu fühlen. Und: Trauen wir Gott tatsächlich zu, uns fallenzulassen, ganz und gar? Glauben wir das?

Es mag sie geben – Momente, in denen wir uns abgrundtief schämen; Momente, in denen wir uns schmerzlich eingestehen, schuldig geworden zu sein, vielleicht gar nicht einmal so dramatisch und sogar verbrecherisch wie König David, aber dennoch schuldig; Momente, in denen wir uns keiner Vergebung mehr wert erachten und deshalb voller Angst sind, von jeder Chance auf ein versöhntes Leben abgeschnitten zu sein.

Wie gut, dass der 51. Psalm uns Worte leiht in solchen Momenten, auch Worte einer flehenden Bitte, die trotz aller Angst doch immer noch weiß, an wen sie sich wenden kann in aufrichtiger Reue, in aufrichtigem Bedauern, und die so zurückfinden kann zur Quelle allen Vergebens und allen Lebens: zu Gott. Seine Hilfe und sein Erbarmen sind stets nur ein Gebet entfernt. Er legt sie uns in unsere ausgestreckten leeren Hände, füllt sie uns neu. Das dürfen wir glauben.

 

Freitag, 1. Mai 2020

„Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“

Monatsspruch für den Mai aus dem 1. Petrusbrief (4,10)

Drei Gedanken sind es, die mich an diesem Wort aus dem ersten Petrusbrief besonders faszinieren.

Der erste: Gottes Gnade ist „vielfältig“. Das klingt einfach gut. Danach, dass Gottes Gnade bunt ist und reich und dass sie nicht uniform daherkommt. Sie begegnet auch nicht nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten. Sie kann uns vielmehr jederzeit erreichen, berühren, uns zum Leben verhelfen, uns in Gang setzen – jeden und jede auf seine, auf ihre Weise, auf den Kanälen, die uns jeweils zur Verfügung stehen, so, dass wir es auch sehen, hören, spüren können. Gott ist erfinderisch, wenn es darum geht, anzukommen in unserem je eigenen Leben und uns anzusprechen – auch das klingt für mich mit in der Rede von seiner „vielfältigen Gnade“.

Der zweite Gedanke: Wir sind „Verwalter“ dieser Gnade. Jeder und jede von uns. Jeder und jedem, allen, die mit Gott auf dem Weg sind, ist diese Gnade anvertraut, nicht nur offiziellen Vertretern der Kirche. Gottes Gnade hält sich nicht an (von Menschen installierte) Ämter und Hierarchien. Allen gilt sie, alle können und sollen sie erbitten, alle können sie empfangen, in sich tragen und bewahren und sollen sie untereinander teilen.

Denn das ist dann das dritte: mit dieser Gnade und den Gaben, die uns in unterschiedlichster Weise zu eigen sind, sollen wir einander dienen, sie füreinander einsetzen, Wir sollen uns am Geschenk der Gnade erfreuen, aber sie nicht nur für uns behalten. Wir sollen empfangene Gnade und empfangene Gaben und Begabungen, die daraus erwachsen, einander nicht vorenthalten, sondern stets schauen, was wir je beitragen können zu einer gelingenden, lebendigen Gemeinschaft, auch einer lebendigen christlichen Gemeinde. Und Gemeinde ist nur so lebendig, wie die Menschen, die sich in ihren Dienst stellen, die bereit sind, mitzutun, mitzudenken, mitzubeten, Glauben zu teilen und ihrem Glauben sichtbare, erfahrbare Gestalt zu geben.

Wir sind alle gefragt, wenn es um den Bau einer solchen Gemeinde geht: möglichst bunt und vielfältig – als Abbild von Gottes Gnade; in dieser Gnade ruhend, sich gründen in ihr, der Quelle des Lebens.

 

Donnerstag, 30. April 2020

„Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reinen Herzens sind.“

Aus Psalm 73,1

„Dennoch“ – das klingt, als müsste sich einer da erst selbst überzeugen von dem, was er eigentlich meint und denkt oder sich wünscht.

„Dennoch“ tröstet Gott. „Dennoch“ ist Gott auf der Seite derer, die aufrichtig sind und ehrlich. „Dennoch“ ist das so, auch wenn die Realitäten, gesammelte Erfahrungswerte eine ganz andere Sprache sprechen.

„Anfechtung und Trost beim Glück des Frevlers“ – so ist der 73. Psalm dann auch in der Luther-Bibel überschrieben. Die, die von Gott nichts wissen wollen, sich selbst für wichtiger halten als alles andere, die sich „brüsten“, „höhnen“, „böse reden“, „lästern“ (Vv7.8), ihren Wohlstand und ihr Wohlergehen demonstrativ zur Schau stellen und vor sich her tragen (V12); gerade denen, so die Erfahrung, laufen die Leute nach (V10), gerade die sind beliebt, angesehen, gerade die stehen häufig genug, so jedenfalls der schöne Schein, auf der Sonnenseite des Lebens.

Der Beter des 73. Psalms hat angesichts dessen äußerst zwiespältige Gefühle, ist aber sehr ehrlich mit sich: er gesteht sich ein und spricht es auch aus, dass er immer wieder hadert, wenn er sieht, wie das Leben so spielt und dass er sich durchaus immer wieder fragt, ob seine Art zu leben, zu glauben, sich zu bemühen um Aufrichtigkeit, ein reines Herz und unschuldige Hände (V13), ob sich das alles wirklich lohnt. ´Soll das alles umsonst gewesen sein?´, fragt er sich. Man kann da schon ins Zweifeln und ins Wanken kommen: „Ich aber wäre fast gestrauchelt“, sagt er (V2).

Der Beter des 73. Psalms muss sich selbst überzeugen, auf seinem Weg zu bleiben, den er oft als mühsam empfindet („Ich bin täglich geplagt“; V 14).

Deshalb sein „dennoch“. Er macht sich selbst und allen, die ähnliche Erfahrungen machen, Mut, dranzubleiben, nicht nachzulassen im Vertrauen auf Gott, seine leitende, stärkende, ermutigende, tröstende Hand. Ein Leben in Gottvertrauen und Glauben mag durchaus mühevolle Momente haben, es mag uns Kopfschütteln, Unverständnis, vielleicht sogar den Spott derer eintragen, die der Meinung sind, das sei nur etwas für Bedürftige und Schwache und da wolle man keinesfalls dazugehören oder die den Glauben für ein reines Hirngespinst halten.

Diese Erfahrungen sind nicht neu. Gläubige aller Zeiten haben sie gemacht. Und in allen Zeiten haben sie einander gegenseitig ermutigt und ermuntert, Gott zu trauen, am Glauben festzuhalten, „dennoch“ zu sagen und unbeirrt weiterzugehen: „Dennoch“ ist Gott unser Trost, denn: „das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun“

in dieser Freude und Zuversicht nämlich endet der 71. Psalm (V28).

 

Mittwoch, 29. April 2020

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu.“

Aus dem Buch des Predigers Salomo (Kohelet; 9,10)

Es ist schon speziell, dieses Buch des Predigers Salomo. Das einzige biblische Buch, in dem Gott nicht zu Wort kommt und auch an keiner Stelle selbst angeredet wird.

In seinem Nachdenken und Reflektieren über das menschliche Leben kommt der Prediger Salomos oder Kohelet, wie er auch genannt wird, in weiten Teilen ohne Gott aus bzw. er begnügt sich mit einem Reden von Gott oder über Gott.

Gott steht über allem, er ist allmächtig, davon ist Kohelet überzeugt: „Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun“ (3,14). Das ist seine grundlegende Erkenntnis. Genau diese Erkenntnis ist für ihn aber zugleich krisenhaft, weil er sich damit auch eingestehen muss, dass kein Mensch dazu in der Lage ist, Gott zu verstehen oder die Pläne Gottes zu erkennen. „Fürchte Gott und halte seine Gebote“, das, sagt er, „gilt für alle Menschen“ (12,13), das allein bleibt ihnen. Mehr geht nicht. Das klingt schicksalsergeben. Und das klingt resigniert. Und so bleibt es im Predigerbuch an manchen Stellen bei bloßen Diesseitsappellen, weil da keine lebendige und konkrete Hoffnung ist, die über das Hier und Jetzt hinausreichen würde.

Auch die heutige Losung ist ein solcher Appell: Tu, was immer du zu deinen Lebzeiten hier auf der Erde tun kannst, denn – so geht dieser Satz weiter: „denn im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“ (9,10).

Tu, was du tun kannst. Tu, was in deiner Macht steht. Tu, was du, gerade du („was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft“) tun sollst. Ein durchaus wichtiger Appell, weil er sagt: wir Menschen sollen uns einander nicht entziehen und uns einander nicht vorenthalten. Wir sollen einander das geben, was wir zu geben in der Lage sind und darin unsere Verantwortung füreinander wahrnehmen.

Ein recht trostloser Appell aber wird das, wenn das für unser Leben tatsächlich alles sein soll: ein Leben in Pflichterfüllung und Mühsal und erschöpfender Diesseitigkeit.

Höre und lese ich die Worte des Predigers Salomo, bin ich einerseits fasziniert von seiner so nüchternen Weltsicht und seinem Sich-Fügen in die Grenzen des eigenen Begreifens, Erfassens und Verstehens. Andererseits lese und höre ich seine Zeilen mit Bedauern, weil jemand, dessen Denken und Reden derart von Resignation geprägt ist und an manchen Stellen gar ins Zynische abzugleiten droht, kaum erfüllt und glücklich und hoffnungsfroh sein kann.

Woher aber speist sich meine Hoffnung? Auch ich kann doch nicht behaupten, Gottes Handeln bis ins Letzte zu durchschauen. Da geht es mir ganz ähnlich wie dem Prediger.

Meine Hoffnung, merke ich, ruht entscheidend auf dem, was wir als Christinnen und Christen glauben dürfen: dass Gottes Liebe, Fürsorge, sein Wille zum Guten nicht nur das Diesseits umgreift, sondern alles, was war, was ist und auch alles, was sein wird. Gott hat sich uns in Christus berührbar gezeigt und verletzbar. Gott ist niemals mehr nur in weiter Ferne im Himmel. Er wurde Mensch für uns. Aus Liebe. Zuallererst schenkt er sich uns, damit wir aus dieser Kraft, aus der Quelle seines Lebens dann das je unsere tun.

 

Dienstag, 28. April 2020

„So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.“

Aus dem 1. Buch der Chronik (22,19)

Die Chronikbücher der Hebräischen Bibel sind Tagebücher (hebräisch: „dibre hajjamim“; wörtlich „Bücher der Tage“). Sie bieten nahezu dieselben Inhalte wie schon die Samuel- und Königsbücher. Sie erzählen in einem weiten Bogen die Geschichte vom ersten biblisch erwähnten Menschen, Adam, über die Zeit König Davids, seines Sohnes Salomo bis hin zu den Königen von Juda und Jerusalem und deren Ende im Babylonischen Exil. Detaillierte Stammbäume sind da zu lesen. Und seine Fortsetzung finden diese „Tagebücher“ in den Schriften der Propheten Esra und Nehemia, die dann vom Ende der Gefangenschaft, der Rückkehr der Exilierten und dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels erzählen.

„So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.“ – im ersten Chronikbuch sind das Worte König Davids. Vom allerersten Tempelbau in Jerusalem wird in diesem 22. Kapitel berichtet. David bereitet ihn vor, schafft alle Baumaterialien, auch alle Edelmetalle zum Schmuck und zur Verzierung herbei, überlässt den eigentlichen Bau dann jedoch seinem Sohn Salomo. Und bevor der mit dem eigentlichen Bau beginnt, wendet sich David an die „Oberen Israels“ (22,17), die politischen und religiösen Autoritäten seiner Zeit, und schwört sie dringlich auf ihre Mithilfe ein. Entscheidend hierbei ist der Satz, der zur heutigen Losung wurde: ´Herz und Sinn´, alles Denken und Fühlen in all´ ihrem Tun sollen sie darauf ausrichten, Gott zu suchen. Das ist Lebenszweck, Lebensinhalt, Lebensziel.

Sucht Gott! – diese Aufforderung ist zeitlos.

Sucht Gott. Haltet Ausschau nach ihm. Fragt nach ihm. Sprecht von ihm und tragt sein Wort weiter – diese Aufforderungen hört jede Generation neu. In jeder Situation klingen sie neu und stellen sie uns vor neue Herausforderungen.

Auf so vielen Kanälen wird Gottes Wort hinausgetragen in die Welt, gerade in diesen Tagen, da wir in unseren Gotteshäusern, die auch alle „im Namen des HERRN gebaut“ wurden (22,19), keine öffentlichen Gottesdiente feiern dürfen. Neue, zum Teil noch ungewohnte Wege, die wir alle da gerade beschreiten (müssen). Eines aber sehr deutlich dabei: Gott suchen, nach ihm fragen, ihn finden, auf ihn hören, sein Wort weitertragen – das geschieht, auch in allen Begrenzungen und Beschränkungen dieser Zeit. Gottes Wort ist lebendig, durch alle Zeiten, und es trägt und leitet, es heilt und es stärkt.

Ihn suchen mit unserem Herzen und allen Sinnen. Gott lässt sich finden. Ganz gewiss.

 

Montag, 27. April 2020

„Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN.“

Aus dem 1. Buch Mose (3,8)

„Ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“

Aus dem Römerbrief des Apostels Paulus (8,15)

Gottesbilder verändern sich. Sie können sich wandeln. Und das hat weniger mit Gott als vielmehr sehr viel mit uns Menschen zu tun. Diesen Gedanken halte ich für wichtig. Und deshalb heute einmal beide Texte: die Losung (aus der Hebräischen Bibel, heute aus der Geschichte vom verlorenen Paradies) und dazu der Lehrtext aus dem Neuen Testament.

Adam versteckt sich vor Gott – weil er Angst hat vor ihm und weil er sich schämt. Adam weiß, dass er bzw. er und seine Frau etwas getan hatten, was dem erklärten Willen Gottes widersprach. Sie hatten von den Früchten eines bestimmten Baumes im Paradiesgarten gegessen, der eigentlich tabu für sie war. Sie wussten das, doch die Neugier war zu groß. Sie hatten sich über die Anordnung Gottes hinweggesetzt. Und so waren sie jetzt um eine Erfahrung reicher, aber nun war ihnen auch äußerst mulmig zumute. Scham stieg in ihnen auf und Angst, Angst vor Strafe vermutlich, davor, von Gott die Quittung zu erhalten für das widersetzliche Handeln.

Stellen wir uns Gott so vor? – als einen, der ein Zuwiderhandeln gegen von ihm gesetzte Regeln und Gebote ahndet, ja straft? Und müssen wir deshalb Angst haben vor ihm?

Dass Angst kein guter Ratgeber ist, in keiner Hinsicht, das ist sprichwörtlich. Und ich denke, das gilt auch für unsere Haltung Gott gegenüber.

Wer ist er für uns, wenn wir uns zuallererst vor ihm fürchten müssten – und das nicht im Sinne von Ehrfurcht, Respekt, sondern im Sinne von angstvoller Sorge, nicht genügt zu haben und deshalb nun selbst Schuld zu sein an der mit Zittern und Zagen erwartenden Bestrafung? Wird Gott so nicht zum Despoten, der Gesetz und Recht vor Barmherzigkeit stellt?

Wer ist Gott für uns und wes Geistes Kinder sind wir, wenn Angst die eigentliche Triebfeder unseres glaubenden Ringens und Bemühens ist?

Paulus spricht hier vom „Geist der Knechtschaft“. Und er spricht davon, dass wir uns in der Tat „fürchten“ müssen, wenn wir von diesem Geist, einem solchen Glauben beherrscht werden, weil er uns gefangen und niederhält, statt uns aufzurichten und uns in die Freiheit der Kinder Gottes zu führen.

Wir haben den „Geist der Kindschaft“ empfangen sagt Paulus. Wir sind Gottes Kinder, Gott unser Vater – „Vater unser im Himmel“, so hat Jesus Christus es uns zu beten gelehrt.

Wir sollen Ehrfurcht haben vor Gott – ja. Wir sollen ihn ehren und achten, wie auch unsere leiblichen Eltern. Vor allem aber sollte da Liebe sein, die uns miteinander verbindet – Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern, Liebe zwischen Gott uns seinen Kindern, zwischen Gott und Mensch. Nur so werden wir ihn voller Vertrauen, aus wachem und aufrichtigem Herzen und ohne Furcht „Abba, lieber Vater!“ nennen mögen.

 

Sonntag, 26. April 2020

ZWEITER SONNTAG NACH OSTERN, MISERICORDIAS DOMINI

„Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenn sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

Wort für diese neue Woche aus dem Johannesevangelium (10,11a.27-28a)

Auf Sylter Weiden

„Der gute Hirte“ ist das Leitbild dieses Sonntags, begegnet im Psalm 23 sowie Lesung und Predigttext aus dem 1. Petrusbrief (1Petr 2,21-25) und steht im Mittelpunkt auch des zweiten Fernsehgottesdienstes aus unserer St. Martin-Kirche, der um 10:00 Uhr über SYLT1 TV übertragen wird (s. dazu die Rubrik „Wir sind wieder auf Sendung“ hier auf unserer Homepage mit direktem Link zur Übertragung).

Dazu die erste Strophe des Wochenlieds EG 274:

„Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute,

darin mir gar nichts mangeln wird jemals an einem Gute.

Er weidet mich ohn´ Unterlass,

da aufwächst das wohlschmeckend Gras

seines heilsamen Wortes.“

 

Sonnabend, 25. April 2020

„Der HERR wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat.“

Aus dem 5. Buch Mose (30,9)

„Die Wahl zwischen Leben und Tod“ – so dramatisch ist das 30. Kapitel des 5. Buches Mose in der Luther-Bibel überschrieben, aus dem die Worte des heutigen Losungswortes stammen.

Die Wahl zwischen Leben und Tod, Segen und Fluch hat das Volk Israel – eine elementare Entscheidung, die geknüpft ist an die Entscheidung für oder gegen Gott, daran, dass „du den HERRN, deinen Gott liebst von ganzem Herzen und ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst“ (30,6). Oder „du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkündige ich euch heute, dass ihr umkommen  … werdet“ (30,17.18).

Leben oder Tod. Segen oder Fluch. Eine grundlegende Entscheidung, bei der Gott seinen Menschen die Wahl lässt. Er lässt ihnen die Wahl, aber er wirbt um seine Menschen. Dabei sagt er ihnen, was er ihnen zu bieten hat: das Leben, gesegnetes Leben, Leben, getragen und gegründet in seiner Liebe.

Gott bietet das Leben und der Mensch kann sich entscheiden. Er kann sich entscheiden, ob er Gott traut, sich auf ihn verlässt, ob er Gott die Sorge und Fürsorge für das eigene Leben überlässt oder lieber in allem selbst Herr der Lage bleiben und alles selbst im Griff behalten will, ob er lieber anderen Mächten und Gewalten trauen und an sie sein Herz hängen will – denn (so Luther): ´woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.´

Der Mensch kann sich entscheiden, ob er Gott-Vertrauen wagt trotz aller Zweifel und Fragen und Ungewissheiten. Beweisen lässt Gott sich nicht. Und rätselhaft bleibt manches, das uns widerfährt. Vieles, für das sich allenfalls im Rückblick eine Antwort auf die Frage finden lässt, warum das jetzt so sein musste.

Der Mensch kann sich entscheiden, er hat die Wahl, den Weg eines gesegneten Lebens einzuschlagen.

Und Gott? – Gott wird sich „freuen“, wenn wir Ja zu dem sagen, was er uns anbietet, so heißt es dort in der Bibel, im 5. Buch Mose.

Gott wird sich „freuen“ – ein schönes Bild. So wie wir glücklich sind, wenn wir Liebe spüren und erfahren in unserem Leben, so ist es auch Gott. Gott möchte geliebt werden, in Verbindung, in Beziehung sein mit uns. Gott möchte geliebt werden und er wirbt um die Liebe der Menschen. Und er wird nicht müde, immer neue Wege zu suchen, auf denen diese Liebe uns erreicht – zu unserer Freude, unserem Heil, uns zum Segen.

 

Freitag, 24. April 2020

„HERR, gedenke doch an deinen Bund mit uns und lass ihn nicht aufhören!“

Aus dem Buch des Propheten Jeremia (14,21)

Gott daran erinnern, was er seinen Menschen mal vor Zeiten versprochen hat? Ist das nötig?

Der Prophet Jeremia scheint dieser Meinung zu sein.

Flehend klingen seine Worte. Sorgenvoll. Große Not lastet auf den Menschen seines Volkes. Von einer großer Dürre sind sie alle betroffen, Mensch und Tier, davon ist die Rede im 14. Kapitel des Jeremia-Buches. Keiner weiß, wie es weitergehen soll und weitergehen wird. Keine Abhilfe der derzeitigen Situation in Sicht. Nur ein paar falsche Propheten predigen fortgesetzt Sorglosigkeit: „Sie predigen euch falsche Offenbarungen, nichtige Wahrsagungen und ihres Herzens Trug“, so sagt es Jeremia (14,14) und warnt. Traut ihnen nicht, sagt er. Sie führen euch in die Irre, lenken euch auf den falschen Weg.

Niemand hält Hilflosigkeit und Ungewissheit lange aus.

Wir sehen das auch in diesen Tagen: ´Beschränkungen lockern, möglichst bald´, sagen die einen.´Das geht doch so nicht weiter und das alles nervt ganz schrecklich.´

´Ich will mein altes Leben zurück´, sagt eine andere, ´die übertreiben das doch schrecklich mir ihren ganzen Auflagen. So schlimm kann Corona doch gar nicht sein, ist doch auch nur ein Grippe-Virus …´.

Und noch ein anderer sagt: ´Feiern kann uns doch keiner verbieten und von uns hat doch auch keiner was. Was soll da schon passieren?´

Falsche Sorglosigkeit, Leichtfertigkeit, Unmut und Ungeduld – alles das auch in diesen Tagen. Und auch die fortgesetzten Mahner gehören in diesen Tagen nicht gerade zu den beliebtesten Zeitgenossen. Dabei können wir sicher sein, dass auch sie lieber vom baldigen Ende der Pandemie sprächen, als beharrlich darauf hinzuweisen, dass wir (immer noch) gerade am Anfang stehen.

Was Jeremia damals tat?

Er scheint Gott zu erinnern an seine Versprechen. Hör nicht auf, dich mit uns zu verbinden, sagt er. Hör nicht auf, uns zu stärken und am Leben zu halten durch die Verbindung mit dir. Und schenk uns die Weisheit und Klarheit, die wahren von den falschen Propheten zu unterscheiden und auf die zu hören, die dem Leben dienen, der Bewahrung und Heilung. Schenk uns alle Geduld, die wir brauchen, alle kluge Beharrlichkeit, auch wenn es noch so schwerfällt.

Jeremia schient Gott zu erinnern an seine Versprechen. Viel eher jedoch ist es das Aktivieren eigener Erinnerung, des eigenen Vertrauens, des eigenen Glaubens an Gottes Treue, die sich so vielfach erwiesen hat und auch jetzt unverbrüchlich gilt.

 

Donnerstag, 23. April 2020

„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“

Aus dem Brief an die Hebräer (10,35)

Der Autor des Briefes an die Hebräer ist in großer Sorge. Er erlebt, dass die Menschen der Gemeinde, für die er schreibt, glaubensmüde werden. Die Begeisterung der ersten christlichen Generation ist vorüber. Die nicht mehr ganz so neue christliche Glaubensgemeinschaft beginnt, sich in der Welt einzurichten. Die „Naherwartung“ ist nahezu erloschen. Wer glaubt schon noch daran, dass der auferstandene und zum himmlischen Vater zurückgekehrte Christus recht bald wieder erscheinen wird auf der Erde, um Gericht zu halten, das Ende der Welt herbeizuführen und Gottes Reich endgültig zum Durchbruch zu verhelfen? Wer glaubt schon noch daran?

Aus dem Brief an die Hebräer (wer das genau ist, weiß niemand so genau) können wir herauslesen, dass Glaubenszweifel und Glaubensmüdigkeit kein neuzeitliches Phänomen sind, sondern schon spätestens in der zweiten christlichen Generation aufkamen. Und viele Gedanken, Mühen und beeindruckende theologische Konzepte und Entwürfe wurden entwickelt, um dem entgegenzuwirken. Der Brief an die Hebräer ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Motive und Bilder aus der Welt des Judentums nimmt der Briefautor auf (das Bild des Bundes zwischen Gott und Mensch – Kapitel 8 –, das Bild des Hohenpriesters, der am Tempel stellvertretend Versöhnung wirkt für das Volk – Kapitel 7, 9 und 10) und wendet sie auf Jesus Christus: Christus, der Mittler des Neuen Bundes. Christus der Hohepriester, der einmal und ein für allemal für die Menschen die Vergebung ihrer Sünden bewirkt hat. Eindrucksvolle theologische Gedanken und Konzepte. Ob sie erfolgreich waren in dem Sinne, dass sie Menschen am Glauben hielten oder sie zum Glauben zurückbrachten? – auch das weiß niemand so genau.

„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ – diese Aufforderung ist dringlich. Es steht viel auf dem Spiel, sagt der Schreiber des Briefes. Gebt nicht vorschnell auf, sagt er. Und er spricht von einer „Belohnung“, die auf die Beharrlichen und Ausdauernden wartet.

Was ist die ´Belohnung´ von Vertrauen, zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Gott?

Nun: Vertrauen-Können schenkt Zuversicht und Sicherheit. Wenn da jemand ist, von dem ich fest glaube, dass ich mich rückhaltlos auf ihn verlassen kann, dass er Gutes für mich bereithält, mich heil sehen möchte, lebendig und froh, dann schenkt mir das Mut zum Leben, für die guten, aber auch und gerade für die schweren Zeiten.

Wer seinen Weg im Glauben geht, der braucht einen langen Atem. Und der braucht immer neu die Bereitschaft, Vertrauen zu wagen – auf Gottes Versprechen und Zusagen hin. Gott will Grund und Ziel unseres Lebens sein, er will Leben neu machen, von Grund auf. Und in allem, was ist und wird, können wir uns auf ihn, auf seine Treue und Liebe verlassen.

 

Mittwoch, 22. April 2020

„Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“

Aus dem Brief des Paulus an die Galater (3,26)

Schon einmal in dieser Woche, am Montag mit dem Text aus dem 6. Kapitel des Römerbriefs, ging es um die Taufe, um das, was sie mit Menschen macht, was sie bewirkt. Aus dem heutigen Losungswort lässt sich das nur mittelbar erkennen, vollkommen deutlich wird es erst, wenn dem 26. Vers aus dem 3. Kapitel des Galaterbriefes auch noch der nachfolgende hinzugefügt wird: „Denn“, heißt es dort in direktem Anschluss, „ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (3,27).

Wir sind Gottes Kinder, weil wir getauft sind, in der Taufe „Christus angezogen“ haben.

„Christus anziehen“. Christus, unser Taufkleid. Sich umkleiden, neu einkleiden lassen von ihm. Die alten Kleider ablegen, neue anziehen. Ein neues Leben beginnen. Es findet ein Wechsel statt von Vorher zu Nachher. Und dieser Wechsel, diese Wandlung darf und soll sichtbar werden.

Wenn heute Kinder zur Taufe gebracht werden in einem Taufkleid, dann tragen sie es meistens schon von Anfang der Zeremonie an. Kein Umkleiden, alles schon da.

Eine Mutter in meiner Hamburger Zeit als Gemeindepastorin wollte das ausdrücklich anders – daran kann ich mich gut erinnern. Sie nähte ein Taufkleid selbst, eines, dass dem Kind ganz leicht und unkompliziert übergezogen werden konnte. Und es war ihr wichtig, dass ihr Kind dieses Kleid erst angezogen bekommt, wenn die Taufe vollzogen ist, danach. Vorher und Nachher sollten klar zu unterscheiden sein, dass da etwas passiert war in der Taufe, dass sie ihr Kind ganz bewusst Gott anvertraut, in seine Hände gelegt hatte, ihr Kind nun auch Gottes Kind war und dazugehörte zur Gemeinschaft aller Kinder Gottes. Wir haben diese Taufe so gefeiert, wie die Mutter es sich gewünscht hat, mit des Täuflings neuen Kleidern. Und das Bild vom „Christus anziehen“ in der Taufe hat sich mir damals in diesem Augenblick wunderbar erschlossen, es wurde (im wahrsten Sinne des Wortes) anschaulich.

Im Glauben, mit dem Ja zum eigenen Glauben in der Taufe Kind Gottes werden. In jedem Alter, wann immer wir getauft wurden oder uns taufen ließen. Und dann: Christus am eigenen Leibe tragen. Dieses Kleid, es umfängt uns ein ganzes Leben und sogar darüber hinaus. Es zeichnet uns aus und es zeigt uns, wohin wir gehören: zu Gottes großer, weltweiter Familie, in der wir im Glauben aneinander gewiesen sind.

 

Dienstag, 21. April 2020

„Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“

Aus den Briefen des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (16,13)

„Bleibt gesund!“ – das ist das, was in diesen Tagen zuallermeist unter Mails, Briefen, Kurznachrichten steht.

Der Wunsch in dieser Zeit, in der wir uns der tagtäglichen Gefährdung des Lebens bewusst werden (müssen) wie selten zuvor: jeden Tag Zahlen von Neuinfektionen. Empfehlungen und Mahnungen zu bleibender Achtsamkeit trotz aufkeimender Ungeduld bei nicht wenigen. Achtsamkeit weiterhin, trotz mancher leichten Lockerung der auferlegten Beschränkungen. Diskussion über Maskenpflicht, zumindest im öffentlichen Raum. Im-Bewusstsein-Halten, dass wir noch nicht über den Berg sind, sondern noch mittendrin. Appelle an Vernunft und Geduld. Dämpfen von Leichtsinn. Die ungemütliche, aber wohl leider wahre Ansage machen (wie es der Bundesfinanzminister Olaf Scholz erfreulich klar und sachlich getan hat), dass das mit Corona nicht so schnell vorüber sein wird, sondern wir in der vor uns liegenden Zeit, in den kommenden Wochen und Monaten immer noch weiter werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

„Bleibt gesund!“ – der Wunsch dieser Tage am Ende geschriebener Zeilen.

„Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ – der Wunsch des Paulus am Ende seines Briefes an seine Gemeinde im griechischen Korinth. Ganz am Ende steht da noch einmal gebündelt, worauf es ihm ankommt, was ihm wichtig ist.

Wach-Sein sein und Wach-Bleiben sollen seine Korinther. Wachsam und nüchtern auf dem Weg des Glaubens, den er, Paulus, ihnen gebracht hat. Wachsam ausschauend und lauschend auf die leisen, manches Mal so unscheinbaren Zeichen von Gottes Gegenwart. Offene Augen, Ohren und Herzen. Immer gefährdet ist der Glaube, das weiß Paulus. So schnell kann er versanden im Alltag, so schnell seine heilvollen Räume und Zeiten einbüßen, wenn wir sie uns nicht ganz bewusst und klar eröffnen und schaffen: Das Gebet am Morgen, das Innehalten und der Blick gen Himmel am Mittag, das Abgeben alles im Tageslauf Geschehenen in Gottes Hände am Abend. Glaube ist immer gefährdet und niemals ist in diesem Leben der Punkt erreicht, wo wir uns unseres Glaubens felsenfest sicher sein dürfen. Es darf und soll ein Ringen bleiben, weil nur das, was uns wirklich wichtig ist, uns auch ein Ringen, ein Bemühen wert ist. Darum: „Seid mutig und seid stark!“, sagt Paulus.

Das könnten wir auch heute dem großen Wunsch dieser Tage, dem „Bleibt gesund!“, hinzufügen. Weil wir viel Mut und Stärke brauchen in dieser Zeit, in der wir uns bewegen. Und weil es gut ist und wichtig, sich Tag für Tag bewusst zu machen, wer uns mit diesem Mut und dieser Stärke erfüllen will: unser Gott.

 

Montag, 20. April 2020

„Befreit von der Sünde und in den Dienst Gottes gestellt, habt ihr die Frucht, die Heiligung schafft, und als Ziel ewiges Leben.“

Aus dem Römerbrief des Apostels Paulus (6,22)

Um die Taufe geht es im 6. Kapitel des Römerbriefs, aus dem das heutige Losungswort stammt. In der Feier der Heiligen Osternacht hat Römer 6 seinen festen Platz. Die (rhetorische) Frage des Paulus am Beginn des 6. Kapitels, sein „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?“ (6,3), wird in dieser Nacht der Nächte laut. Und in dieser Nacht, in der feiernd der Durchgang durch Dunkel und Tod hin zu neuem Licht und neuem Leben begangen wird, wird die Tauftheologie des Paulus anschaulich –  sein „So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (6,4).

Geballte Theologie ist das, die Paulus da bietet, noch einmal gesteigert im Satz aus der heutigen Losung vom Ende des 6. Kapitels: Sündenbefreiung, Indienstnahme, Heiligung und das ewige Leben als Ziel. Alles große Begriffe. Alles das, was in der Taufe geschieht, was die Taufe bewirkt. Ein machtvolles Geschehen, davon ist Paulus überzeugt, eines, das das ganze Leben umgreift. Kein nur artiges, freundliches Ritual mit ein paar Tröpfchen Wasser. Nicht nur Segen für das Lebendige, sondern zuerst der Tod alles dessen, was uns Menschen von Gott trennt. Taufe mit Christus in den Tod. Sterben lassen, was uns hindern will am Leben und was uns fernhält von Gott. Uns von Gott hindurchziehen lassen durch die Tiefen und Abgründe, um verändert, verwandelt daraus hervorzugehen. Das umgreift das ganze Leben und das bildet sich in der Taufpraxis unserer evangelischen Kirche leider nicht mehr ab. Mit dem ganzen Körper hineingehen ins Wasser, eintauchen, untertauchen, wieder auftauchen, neu zu Atem, neu zu Leben kommen – in Israel, am Jordan durfte ich Taufen in dieser Weise miterleben, habe dabei Menschen gesehen, die alles das an sich geschehen ließen, mit ernster Miene hineingingen ins Wasser, sich fallen ließen in die Arme dessen, der sie taufte und die glückstrahlend wieder auftauchten, befreit, berührt von Gottes Leben schaffender Gegenwart, auf den Weg gebracht mit himmlischem Ziel.

Wir ´haben´ alles das, sagt Paulus, „die Frucht, die Heiligung schafft“, die uns mit Gott in Verbindung hält. Wir können da nichts erarbeiten, durch Wohlverhalten erwerben. Aber wir können Ja sagen zu Gott, uns in Dienst nehmen lassen und frohgemut und zuversichtlich, gegründet in ihm unseren Weg gehen. Er ist Anfang und Ziel.

 

Sonntag, 19. April 2020

ERSTER SONNTAG NACH OSTERN, QUASIMODOGENITI

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

Wort für diese neue Woche aus dem 1. Petrusbrief (1,3)

Was für ein Name für einen Sonntag: „Quasimodogeniti“.

Manch einer mag beim Hören vielleicht an einen berühmten Film aus der Pariser Kathedrale Notre Dame denken mit dem Glöckner, dessen Name so ähnlich klingt. Der jedoch hat mit dieser Namensgebung nichts zu tun. Vielmehr erhielt dieser Sonntag seinen Namen von der Aufforderung, die am Beginn der römisch-katholischen Messfeier zur Osteroktav (8 Tage nach dem Osterfest) zu hören war, als diese noch ausschließlich in lateinischer Sprache zelebriert wurde:

„Quasi modo geniti infantes“ – „Wie neugeborene Kinder“ heißt das übersetzt; „wie neugeborene Kinder“ nach Milch, sollen Christinnen und Christen nach dem Heil in Christus verlangen.

„Weißer Sonntag“ wird dieser 1. Sonntag nach Ostern auch häufig genannt (lateinisch: „Domenica in albis“); eine Benennung, die in die ersten Anfänge der Kirche zurückreicht: Die in der Osternacht Getauften zogen zum Abschluss der Osterwoche noch einmal feierlich in ihren weißen Taufgewändern in die Kirche ein.

´Neu geboren´, „wiedergeboren“ – in der Bildsprache dieses Sonntags soll etwas gesagt werden darüber, wie die Auferstehung Jesu Christi an denjenigen wirkt, die mit im Glauben und in der Taufe verbunden sind. Zu Christus zu gehören bedeutet auch, Anteil zu haben an seiner Lebendigkeit und seinem neu gewonnenen Leben. Aus der Beziehung zu Christus bezieht unser christlicher Glaube seine Kraft. Unser Glaube, der um das Wunder des leeren Grabes weiß und auch um die Möglichkeit und Stärke, standzuhalten unter dem Kreuz, auf Golgatha.

Gott hat „uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren … zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ – es ist diese Zusage, die uns kraftvoller Antrieb sein will. Antrieb dazu, in der Überzeugung gewiss zu bleiben: der Tod, in welchem Gewand auch immer er daher kommt, hat keine letzte Macht. Gottes österliche Kraft ist stärker.

Wir dürfen, wir sollen nicht müde werden, das einander immer wieder zu sagen, uns daran zu erinnern, um daraus Hoffnung und Zuversicht zum Leben, manches Mal auch Weiterleben, zu gewinnen.

 

OSTERWOCHE

Sonnabend, 18. April 2020

„Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Aus dem Buch des Propheten Jeremia (8,7)

Jeremia ist enttäuscht und frustriert. Jedes Tier, sagt er, jeder Vogel hat einen präziseren inneren Kompass als die Menschen seiner Zeit. Ja, mehr sogar noch: der Mensch widersetzt sich willentlich dem, was er, der Prophet, ihm von Gott ausrichtet. Er will es nicht wissen, er will es nicht hören.

Jeremia ist ein unbequemer Mensch, ein unbequemer Prophet. Einer, der Widerspruch erntet, weil er gegen die Euphorie seiner Zeit kritisch die Stimme erhebt. Er lebt in einer Zeit (im 7. Jh.v.Chr.), in der die eine politische Großmacht (Assyrien) durch eine andere (die Babylonier) besiegt wird. Hoffnungen keimen auf von Befreiung, ja sogar der Erfüllung endzeitlicher Prophetien von Heil und Erlösung. Jeremia sieht das kritisch. Auch er sieht, dass die assyrische Großmacht fällt, aber er erkennt hinter ihr einen neuen Zwingherrn, der um ein Vielfaches schlimmer über sein Land Israel-Juda herfallen wird. Und so warnt er im Namen Gottes: Volk, Staat und Kult werden untergehen. Gott will sein Volk zur Umkehr bewegen angesichts dieses drohenden Unheils. Aber, so die schmerzliche Erfahrung des Jeremia: „mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Wenn wir doch so genau wüssten wie Jeremia, was der Wille Gottes ist, gerade in dieser Zeit. Wo ist der Sinn zu erkennen hinter all´ dem, was wir momentan erleben?

´Wir besinnen uns doch gerade mal wieder auf die wesentlichen Dinge, auf Mitmenschlichkeit, Solidarität, Füreinander da sein´, sagt da die eine.

´Unsere Natur reinigt sich gerade mal wieder selbst, das hat sie immer wieder getan, so ungefähr alle 100 Jahre“, sagt der andere.

Und noch ein anderer ist der Überzeugung, dass wir mit der gegenwärtigen Krise die Chance bekommen zum grundlegenden Überdenken unserer Haltung zu unseren Mitgeschöpfen und unserem In-der-Welt-Sein.

Die Frage nach dem Sinn wird in unserer Zeit wohl allenfalls in der Rückschau zu beantworten zu sein. Was wir jedoch schon jetzt tun können, ist, einander zu stärken im Vertrauen auf Gottes tröstliche und ermutigende Gegenwart, in der er uns hindurchgeleiten wird durch diese Zeit.

Das Recht des HERRN“ wissen wollen, weil es zur Stärkung dient, zur Orientierung und zum Heil.

 

OSTERWOCHE

Freitag, 17. April 2020

„Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen.“

Aus Psalm 71,3

„Bitte um Gottes Hilfe im Alter“ ist der 71. Psalm in der Luther-Bibel überschrieben, und seine insgesamt 24 Verse klingen tatsächlich so, als blicke da jemand zurück auf bereits etliche Jahre gelebten Glaubenslebens. Und sie klingen so, als wünsche der Beter des 71. Psalms sich nichts sehnlicher, als diesen Glauben noch viele weitere Jahre an die ihm nachfolgenden Generationen weitergeben zu können.

„Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen“, so sagt er es an anderer Stelle (Verse 17 und 18).

Der Beter wünscht sich Gott als zuverlässigen Fluchtpunkt, als einen sicheren Ort, als  unverrückbaren, durch nichts zu erschütternden „Fels“ und als uneinnehmbare, wehrhafte „Burg“ (Vers 3). So wünscht er ihn sich und so hat er ihn bereits erleben können. Und er tut noch mehr: er erinnert Gott an seine früheren Versprechen, zu helfen, zu schützen, aufzurichten und zu trösten, wo und wann immer das nötig ist.

Der Beter redet mit Gott. Gott ist ihm lebendiges Gegenüber. Er teilt sein Leben mit Gott, sein ganzes Leben. Er ist mit ihm groß geworden. Und er hat ihn als verlässlich erlebt – als einen, der mitgeht und der da ist in allen nur denkbaren Situationen des Lebens, in jedem Lebensalter, in den lichtvollen, heiteren, frohen Momenten, aber auch dann, wenn es mühevoll wird, abgründig, gefährlich, bedrohlich oder erschütternd traurig.

Der Beter redet mit Gott und er redet von Gott. Er schweigt nicht über das, was der Grund seines Lebens, seiner Hoffnung, seines Mutes und seiner Zuversicht ist.

Weitergeben, weitersagen, was uns trägt und hält und weiterbringt – der Glaube lebt davon. Er lebt fort im Erzählen und Teilen und Staunen und Loben. Und so vermag er es auch, uns Halt zu geben und Lebensmut, auch durch Krisenzeiten hindurch.

 

„Scrabble“ in Zeiten von Corona – gestriges Fundstück in den Sylter Dünen

 

OSTERWOCHE

Donnerstag, 16. April 2020

„Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!“

Aus dem Buch des Propheten Jesaja (5,21)

Wie viele Propheten in der Welt der Antike war auch der Prophet Jesaja tief in das politische Leben seines Landes verwickelt. Berater von zwei Königen des Reiches Juda, von König Ahas und König Hiskia, soll er gewesen sein. Er hat sich eingemischt in aktuelles politisches Geschehen und er hat im Namen Gottes Ansagen gemacht zu diesem Geschehen und zum Verhalten derer, die das Land leiten und führen sollten. Assyrien war die Großmacht, die in seiner Zeit auch sein Heimatland bedrohte. Und in dieser Zeit hat er gewarnt und gemahnt vor Paktiererei und unseligen Allianzen und stattdessen in immer neuen Wendungen und in beredten Bildern das unbedingte Vertrauen auf Gott eingefordert. Gottvertrauen statt Menschenlist und vermeintlicher Klugheit – das ist seine Botschaft. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9) , so lautet seine unmissverständliche Ansage. Sein „Wehe“ soll denen in den Ohren klingen, die auf Kosten anderer leben und handeln und die Verantwortung nicht wahrnehmen, in der sie stehen, die nicht in der Lage sind, hinauszublicken über den eigenen, begrenzten Horizont.

„Weh denen“ – „Wehe“ auch dem irrlichternden US-amerikanischen Präsidenten, der in diesen Tagen die Zahlungen seines Landes an die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, aussetzt mit der Begründung, die WHO habe nicht ausreichend dafür gesorgt, die Ausbreitung des Corona-Virus von China aus einzudämmen. Dumm und selbstgerecht ist das und vor allem ein so offenkundiges Verschieben der Verantwortung für eigene massive Versäumnisse im Ergreifen von Schutzmaßnahmen für die eigene Bevölkerung, dass es zum Himmel schreit.

Die Mahnung des Propheten hören und zu Herzen nehmen, um der Falle der Selbstgerechtigkeit und dem sündhaft ermüdenden Kreisen um sich selbst zu entkommen. Die Mahnung des Propheten hören und zu Herzen nehmen, um Gott stets in allem mehr zuzutrauen als Menschen, ihm unser Vertrauen zu schenken, um zu glauben und zu bleiben und so von ihm gestärkt in Geduld und Hoffnung unsere Wege weiterzugehen.

 

Gestriges Fundstück am Morsum Kliff

OSTERWOCHE

Mittwoch, 15. April 2020

Paulus schreibt: „In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten und Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“

Aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (6,4.10)

Wer kann so leben? – stets geduldig, fröhlich, selbstlos, zufrieden, wunschlos glücklich? Und das sogar dann, wenn es in mir und um mich eigentlich ganz anders aussieht, wenn ich bedrängt werde, Nöte und Ängste auszustehen habe, meine Seele Trauer trägt, wenn mir Erworbenes unter den Fingern zerrinnt und mich die Sorge plagt, wie es werden soll und woher das kommen soll, was ich für mein Leben tagtäglich so brauche.

War Paulus ein Phantast? Einer, der schon mit einem Fuß im Himmel stand und deshalb nicht mehr so richtig wusste, wie es auf der Erde zugeht?

Ja und Nein.

Ja, weil Paulus, nach dem, was wir von ihm wissen, was wir erschließen können aus seinen Briefen, wohl tatsächlich in „Naherwartung“ lebte, in der großen Hoffnung, ja Überzeugung, er werde die Wiederkunft Jesu Christi auf dieser Erde noch erleben und dann werde alles irdische Leben, so wie es bisher war, ohnehin ein Ende haben. Für ihn war alles sehr vorläufig.

Nein, weil der Glaube des Paulus sich wohl tatsächlich bewährt hatte in vielen irdischen Mühen, Schmerzen, Anfeindungen, in Not bis hin zur Lebensgefahr. Er wusste, wie das Leben geht. Er erlebte es täglich in seiner Schönheit, seinem Versöhntsein in Christus, aber auch in seiner unerlösten Abgründigkeit. Er erlebte die Welt und auch seine Gemeinden, auch die im griechischen Korinth, in großer geschwisterlicher Liebe zueinander, aber auch in tiefer Zerstrittenheit, in Ich-Sucht, geistlicher Ignoranz, Hochmut und Boshaftigkeit.

Paulus konnte darüber sehr zornig werden. Letztlich aber ließ er sich von all´ dem nicht verdrießen und sah sich gerade darin als „Diener Gottes“, selbst in schwierigsten Lebensumständen nicht an Gottes unbedingtem Heilswillen zu zweifeln, als einer, der „nichts“ und in Christus „doch alles“ hat.

Nichts kann uns trennen „von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Das konnte er so schreiben in einem anderen seiner Briefe, dem an die Gemeinde in Rom (8,39). Das war ihm Gewissheit. Und auch wir dürfen uns darauf verlassen. Wir sind gehalten und getragen in allem, was in der Welt geschieht, auch in diesen Tagen.

 

OSTERWOCHE

Dienstag, 14. April 2020

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

Aus dem 1. Petrusbrief (1,3)

Die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi als der Dreh- und Angelpunkt christlichen Glaubens – für den Autor des 1. Petrusbriefes steht das außer Frage. Wiedergeboren sein, lebendige Hoffnung haben durch die Auferstehung Jesu Christi, durch seinen Ostersieg – das ist für ihn das, was seinen christlichen Glauben ausmacht, worin er gründet, woraus er sich speist. Ohne die Auferstehung Jesu gäbe es seinen Glauben gar nicht, da bleibe nichts, woran es sich zu glauben lohnte.

Viele Menschen heute sehen das anders. Durchaus auch viele Mitglieder sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche. Immer wieder gibt es Umfragen dazu. Und viele, die sich Christen nennen, die sich als Christen verstehen, sagen dann, dass sie diesen Glauben dennoch nicht teilen.

Auferstehung von den Toten? Wunderglaube in der heutigen Zeit … schwierig, wenn wir meinen, nur dem trauen zu können, was sich bis ins Letzte erklären lässt, und wenn wir es nicht gut ertragen können, wenn etwas nicht in unserer Macht steht, sondern über unsere eigene Macht und Kraft hinausreicht. Schwierig. Mag sein. Wobei: Gerade in diesen Tagen merken wir doch, wie sehr wir Kraftquellen brauchen, die außerhalb unserer selbst liegen.

Nun, wie auch immer: Beweisen lässt die Auferstehung sich in der Tat nicht. Sie wird immer eine Glaubensfrage bleiben. Was aber feststeht, ist, dass das Christentum mit dieser Botschaft seinen Anfang nahm. Nicht etwa mit der Erzählung von Jesu Geburt. Die entstand erst später. Auch das Weihnachtsfest entstand später, viel später als das Osterfest.

Mit Ostern fing alles an. Mit diesem allerersten Ostermorgen. Mit der Auferstehung, dem Sieg des Lebens über den Tod. Unglaublich für viele bis heute. Für die, die Gott alles, auch dieses Wunder zutrauen: neues Leben, neue Hoffnung, unerschöpflich.

 

OSTERMONTAG, 13. April 2020

„Der Engel sprach zu den Frauen: geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen.“

Aus dem Matthäusevangelium (28,5.7)  

Kleine „Osterkrippe“ im Morsumer Pastorat

Die Frauen als erste Zeuginnen der Auferstehung. Sie sind es, die sich am frühen Morgen des ersten Tages der Woche aufmachen, „um nach dem Grab zu sehen“ (Mt 28,1). Sie sind es, die zuallererst miterleben, wie die Erde erbebt und von Engelshand der große Stein weggewälzt wird, der bis dahin das Grab Jesu verschlossen hatte (Mt 28,2). Von den Jüngern Jesu in dieser Szene keine Spur. Vielmehr sind es die Frauen, die vom Engel und einen Augenblick später dann auch noch von Jesus selbst (Mt 28,10) den Auftrag bekommen, weiterzusagen, was sie erlebt und gesehen und gehört haben.Verkündigt ihnen, sagt der Engel: „Er ist auferstanden von den Toten“. Setzt auch meine Brüder auf die richtige Spur, sagt Jesus ihnen. Sagt ihnen, sie sollen zurückkehren von Jerusalem nach Galiläa, dorthin, wo alles begann. Dort will ich ihnen neu begegnen und sie mit allem ausstatten, was sie brauchen, um nun auch ihrerseits zu Osterbotschaftern zu werden.

Die Frauen als erste Zeuginnen der Auferstehung. Sie hatten zuallererst den Mut, nicht zu schweigen, sondern sich mit beidem, mit „Furcht“ zwar, aber auch bereits mit „großer Freude“ (Mt 28,8) auf den Weg zu machen, um vom Wunder aller Wunder zu erzählen: dem Sieg des Lebens über den Tod, Jesu Auferweckung, dem von Gott neu geschenkten Leben, das die Tiefen und Abgründe des Todes durchmessen hat und so das Licht des Ostermorgens erreichte.

Unsere neue Osterkerze – gestern entzündet und hineingetragen in unsere Kirche – „Christus, Licht der Welt!“

Die Frauen als allererste. Und irgendwann in dieser ganzen Reihe von Zeuginnen und Zeugen auch wir. Weitererzählen, was uns bewegt und betrifft. Weitererzählen, was wir selbst gesehen, gehört und verstanden haben von Jesu Botschaft. Weitererzählen von Gottes grenzenloser Macht und Liebe. Dass Menschen zu ihrem Heil und zum Trost ihrer Seelen von Ostern erfahren, dass die Botschaft lebendig weitergetragen wird – es ist auch unsere Verantwortung und unsere „große Freude“.

 

OSTERSONNTAG, 12. April 2020

TAG DER AUFERSTEHUNG DES HERRN

„Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war.“

Aus dem Markusevangelium (16,2-4)

Das Markusevangelium ist das älteste der vier Evangelien und in seiner Erzählung der Ereignisse des Ostermorgens gibt es eine Besonderheit: sie endet nicht mit österlicher Freude und österlichem Jubel, sondern mit den Worten: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatten sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8).

Zittern und Entsetzen als Reaktion der Frauen, die frühmorgens zum Grab gekommen waren, Jesus salben, ihm diesen letzten Liebesdienst erweisen wollten. Sie fanden das Grab offen und leer. Kein Jesus mehr, stattdessen die Gestalt eines jungen Mannes in einem langen weißen Gewand, der das Ungeheuerliche zu ihnen sagte: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“ (16,6).

„Entsetzt euch nicht!“ – dass seine Botschaft die Größe und Macht hatte, Furcht auszulösen, war dem Verkünder der Auferstehungsbotschaft offenbar sehr bewusst. Genützt hat seine Aufforderung gleichwohl nicht viel. „Zittern und Entsetzen“ ergreift die Frauen und sie fliehen …

Das ist eine der ersten Reaktionen auf die Auferstehungsbotschaft. Kein Jubel, sondern Furcht und Zittern vor der Ungeheuerlichkeit dieser Botschaft, und damit auch vor der zutiefst beeindruckenden, ja erschreckenden Macht und Größe Gottes: Gott, der den Tod besiegt. Jesus, sein Sohn, als der Sieger über den Tod, den er am eigenen Leibe durchlitten und nun hinter sich gelassen hat. Eine ungeheuerliche Botschaft. Die „Initialzündung“ des Christentums war das. Mit dieser Botschaft fing alles an, breitete das Christentum sich rasend schnell aus in der ganzen damals bekannten Welt.

Wäre es bei „Zittern und Entsetzen“ und der Flucht der allerersten Zeuginnen der Auferstehung geblieben, wäre das so nicht geschehen. Aber Gott Lob blieb es nicht dabei, sondern erste Furcht konnte sich in Staunen, schließlich sogar in Freude und Jubel über Gottes heilvolles Tun verwandeln und auch in den glaubensvollen Ruf:

„Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Mit diesem Ruf grüße ich Sie und Euch alle und auch die Bischöfinnen und Bischöfe unserer Nordkirche richten Ihnen und Euch diesen Ruf in ihrer Osterbotschaft aus:

Osterbrief 2020 der Bischöfinnen und Bischöfe der Nordkirche

 

Ein gesegnetes Fest! Gottesdienste müssen ausfallen in diesen Tagen. Ostern nicht. Ostern wird es auch in dieser Zeit mit Gottes Sieg über den Tod und der Hoffnung, die daraus erwächst: Leben wird neu!

Und für das Osterlachen auch für zu Hause (diese alte Tradition, mit der die Angst vor dem Tode gerade zu Ostern „weggelacht“ werden soll) sei hier noch der Witz erzählt, mit dem ich den Gottesdienst in unserer St. Martin-Kirche in diesem Jahr am heutigen Ostersonntag begonnen hätte. Im vergangenen Jahr war das ein ganz besonderer Moment bei der Begrüßung: die ganze versammelte Gemeinde vereint in einem herzlichen, lebensfrohen Lachen zu Beginn.

Hier ist er, der Witz für 2020: „Einer Nonne geht auf einer Autofahrt das Benzin aus. Da sie keinen Reservekanister hat, geht sie mit ihrem Nachttopf (den hat sie erstaunlicherweise dabei …) zur Tankstelle, um etwas Benzin zu holen. Wieder an ihrem Auto füllt sie das Benzin in den Tank. Ein Passant sieht das und sagt. ´Ihren Glauben möchte ich haben!´“

 

KARSONNABEND, 11. April 2020

TAG DER GRABESRUHE DES HERRN

„Christus hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben.“

Aus dem 1. Petrusbrief (2,24)

Von Karfreitag bis zum Ostermorgen geschlossener Altaraufatz in St. Martin

„Die Stunde des Sterbens … ist nur eine von unseren Stunden und keine ausnahmsweise: Unser Wesen geht immerfort in Veränderungen über und ein, die an Intensität vielleicht nicht geringer sind als das Neue, Nächste und Übernächste, das der Tod mit sich bringt. Und so wie wir einander an einer bestimmten Stelle jenes auffallendsten Wechsels ganz und gar lassen müssen, so müssen wir, strenggenommen, einander jeden Augenblick aufgeben und weiterlassen und nicht zurückhalten.“

In einem seiner Briefe hat Rainer Maria Rilke diese Worte geschrieben.

´Abschiedlich leben´, das nicht zurückhalten wollen, was gehen muss, was gehen will, sich trennen können, in dem Bewusstsein leben: wir haben einander nicht alle Zeit. Hier und Jetzt gibt es ein Ende alles Gemeinsamen und allein aus seiner Begrenztheit und Endlichkeit gewinnt das Leben ja auch schließlich seine Kostbarkeit.

Die vielen Abschiede im Laufe eines Lebens – es gibt sie, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, ob wir in der Lage sind, sie zu vollziehen oder nicht.

Festhalten und Bewahren, was schön ist und gut, was glücklich macht und erfüllt – das wollen wir oft genug mit ganzer Energie, denn immer wenn sich etwas ändert, zieht das Verunsicherung nach sich, ich muss mich neu einstellen auf bisher Ungewohntes, begebe mich auf Neuland ohne zu wissen, was kommt, erleide möglicherweise sogar Schmerzen, weil einfach jede Trennung Schmerzen mit sich bringt.

Und da sagt Rilke dann: Wir müssen einander „… strenggenommen (…) jeden Augenblick aufgeben und weiterlassen und nicht zurückhalten.“

Wer von uns lebt so? Wer kann so leben?

Unter dem Kreuz Jesu sind es die Frauen, die das können und die den ganzen Weg mitgehen, den Jesus gehen muss.

Wir müssen einander „… jeden Augenblick aufgeben und weiterlassen und nicht zurückhalten.“

Nach den letzten Todesqualen, nachdem sein letzter Schrei verhallt war, alles Leben seinen zerschundenen Körper verlassen hatte, nimmt man Jesus vom Kreuz herab. Man legt ihn zurück in die Arme und in den Schoß seiner Mutter Maria. Sie hat ihn geboren und jetzt hat sie ihn verloren. Noch einen Augenblick hält sie ihn fest, löst die Dornenkrone aus seinem verklebten Haar, streichelt noch einmal sein Gesicht. Dann lässt sie zu, dass man ihn aufhebt aus ihrem Schoß, ihn einhüllt in kühle Leinentücher und ihn schließlich in eine neue, noch nie zuvor benutzte Grabhöhle legt. Dort lässt sie ihn zurück, nach einer allerletzten Berührung, nach einem allerletzten Blick auf seine jetzt, jenseits aller Qual, friedlichen Züge. Sie deckt das Grabtuch über sein Gesicht, löst sich von ihm und schaut zu, wie ein großer, schwerer Stein vor das Grab gerollt wird.

Sie ist den ganzen Weg mitgegangen. Sie hat sich nichts erspart, kein Grauen, kein Schrecken, auch nicht den eigenen Tod, den sie mitgestorben ist. Sie wollte nicht, dass er geht, dass ihm das geschieht, was geschehen ist und das Grab vor Augen hat sie noch nicht verstanden, warum all´ das geschehen musste. Dennoch hat sie ihn gelassen, hat ihn nicht zurückgehalten, hat nur noch das getan, was ihr zu tun geblieben war: nicht zu fliehen vor der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Jesus ist versorgt. Die gnädige Dunkelheit und Ruhe seines Grabes hüllen ihn ein, nach allem, was geschehen ist. Auch wir müssen ihn nun „… weiterlassen und nicht zurückhalten“, damit er seinen Weg zu Ende gehen kann, bis zum Ziel, uns zugut.

Grabesruhe – der Nährboden der Verwandlung und des Neuanfangs.

 

KARFREITAG, 10. April 2020

TAG DER KREUZIGUNG DES HERRN

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Wort für den Karfreitag aus dem Johannesevangelium (3,16)

Wir haben kein Kreuz im Altarraum unserer Kirche. Ein wenig ungewöhnlich ist das schon, gilt doch das Kreuz als das Symbol des Christentums. Unumstritten ist das bis heute nicht, und man kann sich schon fragen, warum der Ort grausamsten Sterbens, ein Marterwerkzeug sondergleichen den Christinnen und Christen zu ihrem Zeichen wurde. Wäre der Fisch nicht schöner oder vielleicht ein Bild vom leeren Grab? Schöner wäre das gewiss und weniger anstößig noch dazu.

Dennoch: das Kreuz als Zeichen der Christinnen und Christen.

Wer darauf blickt, blickt auf das Sterben eines Menschen. Jesu Sterben. Wir gedenken dieses Sterbens ganz besonders innig am heutigen Tag. Sterben für uns, sagen wir in der Sprache unseres Glaubens. Sterben für uns von einem, der bis zum allerletzten Atemzug seines Lebens in der Liebe geblieben ist, von einem, der in dieser Liebe bei Gott für uns eintritt, der uns Menschen so mit Gott ins Reine bringt, der keine Finsternis des Lebens gescheut hat, nicht einmal den Tod, einer, der für uns hineingegangen ist in den Abgrund des Todes, damit es selbst dort für uns hell wird und wir mit ihm diesen Abgrund durchschreiten können.

Wir haben kein Kreuz im Altarraum unserer Kirche. Aber wir haben eine mich immer wieder tief anrührende Darstellung von Gott-Vater und Gott-Sohn im Zentrum unseres Altaraufsatzes. Der Vater hält den toten Sohn in seinen Armen. Auch im Tod lässt er ihn nicht los. Er trägt ihn hindurch. Aus Liebe zur Welt, zu uns Menschen hat er ihn in unsere Welt gesandt. Aus Liebe verwandelt er sein Sterben in neues Leben – auch dafür steht das Kreuz. Nicht nur Marterwerkzeug, sondern auch Hoffnungszeichen: neues Leben nicht am Kreuz vorbei, sondern durch das Kreuz hindurch. Leben in Gottes Licht, stärker als der Tod.

 

GRÜNDONNERSTAG, 9. April 2020

TAG DER EINSETZUNG DES HEILIGEN ABENDMAHLS

„Als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.“

Aus dem Markusevangelium (14,26)

Zur Feier des Passafestes kommen sie nach Jerusalem. Zur Feier des Passafestes versammeln sie sich am Abend in einem Saal, setzen sich miteinander zu Tisch, Jesus und die Zwölf, teilen Brot und Wein. Jesus spricht die Segensgebete über den Gaben, so wie es Brauch ist. Und dann nimmt er die Gaben und verbindet sie auf ewig mit sich, mit seinem Leib, seinem Blut, seinem Leiden und Sterben und Auferstehen. Für euch gegeben. Für euch vergossen. Er für seine Jünger. Er für die Vielen. Er für uns.

Das abendliche Mahl geht mit dem Singen von Passaliedern zu Ende. Danach „gingen sie hinaus an den Ölberg“. Jesus wird dort im Garten am Ölberg wachen. Er wird beten. Und er wird im Wissen und Erahnen, was ihn erwartet, Gott bitten: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Mk 14,36).

Jesu Hingabe zu feiern, sein in-der-Liebe-Bleiben bis zum Äußersten, dafür zu danken, sein Abendmahl miteinander zu feiern – das ist das, was ich an geistlichen Dingen in dieser Zeit am meisten vermisse: das Teilen von Brot und Wein, das Erleben, dass Christus bei uns ist, uns stärkt und sich uns schenkt.

Der Verzicht stärkt (auch hier) die Sehnsucht. Die Sehnsucht danach, dass es wieder möglich ist, im Kreise der Gemeinde so zu feiern. Auf diesen Tag in der Welt nach Corona freue ich mich.

Neu wichtig wird mir in diesen Tagen die reformatorische Überzeugung, dass das Hören auf Gottes Wort, auch das Lesen und Bedenken der Schrift, und das Feiern der Sakramente nichts Verschiedenes bringt, sondern dasselbe nur auf verschiedene Weise, nämlich die Nähe und Gegenwart Gottes. Er ist bei uns. In diesem Glauben können wir leben, auch jetzt.

 

„Als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg“ – mit diesen Worten endet der biblische Bericht von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls.

Jesus wird wachen im Garten und er wird seine Jünger bitten, es mit ihm zu tun. Dazubleiben in der Nacht, die vor ihm liegt, die ihm Verhöre, Verspottung und Verurteilung bringen wird.

Der Text der Ölbergpassion von Christian Morgenstern für die Nacht zum Karfreitag:

„Wachet und betet mit mir! – Meine Seele ist traurig – Bis in den Tod – Wachet und betet – Mit mir! – Eure Augen – Sind voll Schlafes – Könnt ihr nicht wachen? – Ich gehe, – Euch mein Letztes zu geben – Und ihr schlaft … – Einsam stehe ich – Unter Schlafenden. – Einsam verbringe ich – Das Werk meiner schwersten Stunde. – Wachet und betet mit mir! – Könnt ihr nicht wachen? – Ihr alle seid in mir. – Aber in wem bin ich? – Was wisst ihr – Von meiner Liebe? – Was wisst ihr – Vom Schmerz meiner Seele? – O einsam! – Einsam! – Ich sterbe für euch! – Und ihr schlaft! – Ihr schlaft! – „Geschwister!“ – Hört das Wort! – Soll´s ein Wort nur bleiben? Soll´s nicht Früchte treiben – Fort und fort? – Allen Bruder sein! – Allen helfen, dienen – Ist, seit er erschienen, Ziel allein! – Geschwister, hört das Wort! – Dass es Wahrheit werde – Und dereinst die Erde – Gottes Ort!“

 

KarMittwoch, 8. April 2020

„Eure Traurigkeit soll zur Freude werden.“

Aus dem Johannesevangelium (16,20)

Ein Satz aus den „Abschiedsreden Jesu“ (Joh 13,1-17,26) ist das, und seine Worte versetzen uns in die Zeit seiner letzten Lebenstage.

Mit seinen Jüngern ist er nach Jerusalem gekommen kurz vor dem Passafest als Jesus „erkannte …, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater“ (Joh 13,1). Der Abschied von seinen Jüngern steht bevor, sein Leiden und Sterben, und in der ihm verbleibenden Zeit in dieser Welt versucht er alles, um seinen Jüngern das Lebensnotwendige für die Zeit nach dem Ende seiner irdischen Wirksamkeit mit auf den Weg zu geben:

die Fußwaschung gehört da dazu, die er als Liebesdienst an ihnen vollzieht, damit die Jünger auch weiterhin an ihm „Teil haben“ (Joh 13,8);

das eindringliche Betonen des Gebots der Liebe untereinander, mit der sie sich auch künftig als Jesu Jünger erkennen lassen (Joh 13,34-35);

auch die Zusage seines Friedens, der die Herzen von aller Furcht befreien soll (Joh 14,27).

Die Worte der Abschiedsreden klingen wie Jesu Testament, sie sind sein Vermächtnis. Er weiß um die Gefühle und Bedürfnisse seiner Jünger, um ihre Trauer und die Angst vor dem Abschied. Und er weiß, dass er sie stärken muss, damit sie die Wege in seinen Spuren auch dann weitergehen, wenn er selbst nicht mehr leibhaftig bei ihnen ist.

Ein wunderbar tröstlicher Satz ist da der der heutigen Losung – das Versprechen: „Eure Traurigkeit soll zur Freude werden.“

Am heutigen Tag stehen wir in der Mitte der diesjährigen Karwoche, in der alles so anders als in allen Jahren zuvor. Auch wir gehen den Weg Jesu mit, den Weg nach Golgatha, unter sein Kreuz, und den Weg an das offene Grab, in das Erschrecken und die daraus erwachsende große Freude des Ostermorgens. Dass auch uns auf diesem Weg das tröstliche Versprechen Jesu ins Herz spricht, das wünsche ich uns.

 

KarDienstag, 7. April 2020

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Aus dem Markusevangelium (4,40)

„Unsicherheitskompetenz“ – diesen Begriff habe ich in diesen Tagen gelernt.

Ein Begriff aus der Psychologie ist das und er beschreibt, wie gut Menschen mit Situationen wie der gegenwärtigen umgehen können – ob und wenn ja, wie gut sie es ertragen können, dass alles offen und so vieles unklar ist zur Zeit, dass niemand weiß, wie alles werden wird und wann sich die gegenwärtige Situation täglich neuer Schreckensmeldungen weltweit endlich zum besseren verändern und entspannen wird. Niemand weiß das zur Zeit, niemand kann wirklich planen zur Zeit, und alles, was an Planungen dennoch über den gegenwärtigen Moment hinaus geschieht, bleibt unter Vorbehalt.

Die einen können besser mit dieser Situation umgehen, die anderen schlechter.

Die Psychologie rät in dieser Situation, an der je eigenen Haltung zu arbeiten, sich immer wieder zu sagen ´Es ist eben wie es ist zur Zeit´, kein Hadern, wenn möglich … Oder sich immer wieder zu sagen: ´Auch das, was wir momentan erleben, wird vorüber gehen, auch wenn wir noch nicht wissen, wann.´

Genau diese Haltung zu verstärken, darum bemühte sich auch die englische Königin mit ihrer Fernsehansprache vom Sonntag – hier einige der entscheidenden Sätze:

Frei übersetzt: Wir sollten uns damit trösten, dass bessere Tage kommen werden, auch wenn wir zunächst noch mehr werden ertragen müssen; wir werden wieder mit unseren Freunden zusammen sein; wir werden wieder mit unseren Familien zusammen sein; wir werden uns wieder begegnen.

Ja, und auch die konfrontative Frage Jesu: „Was seid ihr so furchtsam?“ will letztlich auch genau das erreichen: Mut zu fassen, Angst zu besiegen, und noch eines darüber hinaus: „Habt ihr noch keinen Glauben?“, fragt er und sagt damit zugleich: es gibt eine Kraftquelle, die über eure je eigenen Quellen und Möglichkeiten hinausgeht, die euch stärkt in eurem Durchhaltevermögen und dem Ertragen von Unsicherheit und Ungewissheit, die euch den Mut schenkt, weiterzugehen.

Gott ist diese Quelle und er ist für euch da.

 

KarMontag, 6. April 2020

„Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.“

Aus dem Buch des Propheten Hosea (8,12)

Der Prophet klingt bitter. Hosea hat sich abgemüht, Gott und Menschen zueinander zu bringen, das Volk Israel und seinen Gott. Der Gott, den er verkündet, ist langmütig, treu, unendlich mitfühlend mit dem, was seinen Menschen geschieht. Die Eroberung Israels durch das assyrische Großreich war es damals, die der Prophet heraufziehen sah. Sie droht den Menschen seiner Zeit. Gott will sie schützen und davor bewahren. Er wirbt um seine Menschen. Er will, dass es ihnen wohl ergeht. Seine Gebote hat er ihnen gegeben, damit das so sein kann. Längst nicht alle jedoch wollen etwas davon hören, auch nicht aus dem Mund des Propheten Hosea. Für ihn ist das bitter, er wünschte so sehr, es wäre anders – dass seine Mitmenschen Gott suchen, nach ihm fragen und sein Werben um sie nicht mit Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung beantworten, sondern mit ihrer Liebe zu ihrem Gott.

Hoseas Worte klingen bitter.

Eine ganz andere Sprache spricht da ein Gebet, dass mich in diesen Tagen von einem Mitglied unserer Gemeinde erreichte. Sie bekam es ihrerseits einmal geschenkt, gedacht als Stärkung, und sie gibt es jetzt in diesen Tagen von Herzen gerne weiter. Ich darf es hier veröffentlichen.

Würde Hosea es hören, ich denke, es ließe auch seine Bitterkeit schwinden.

Ein Gebet an diesem Tag:

Gott, Vater im Himmel,

du hast mich von jeher auf meinen Wegen begleitet

und wenn ich einmal nicht weiterwusste,

so war deine Hand da, die mich hielt und führte.

Du hast mich in deiner Nähe leben lassen.

Dafür möchte ich dir heute danken,

auch wenn ich nicht weiß, ob mein Dank an deine Güte heranreicht.

 

Vater im Himmel, ich bitte dich,

lass nicht ab von mir.

Ohne deine Gnade und deinen Segen ist alles Leben nichts.

Und welchen Weg du mich auch in Zukunft gehen lässt,

ich will ihn dankbar gehen,

denn er ist dein Wille

und etwas Besseres habe ich nicht. Amen.

 

Sonntag, 5. April 2020

SECHSTER SONNTAG DER PASSIONSZEIT, PALMARUM

„Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Wort für diese neue Woche aus dem Johannesevangelium (3,14b.15)

Unter diesem Wort übertragen wir an diesem Sonntag einen Gottesdienst aus unserer St. Martin-Kirche – vor leeren Bänken, so, wie es zur Zeit leider sein muss, aber dennoch lebendig und mit Freude produziert von allen Beteiligten (s. dazu auch den Artikel zu diesem Fernsehgottesdienst, der auf Sylt1 TV ausgestrahlt wird, hier auf der Homepage mit entsprechendem Link).

Zum heutigen Beginn der Karwoche, die in diesem Jahr so vollkommen anders sein wird als je zuvor, hat unser Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, Gothart Magaard, einen Brief an alle Gemeinden gesandt. Diesen Brief möchte ich auf diesem Wege weitergeben:

Corona_Bischofsbrief_zur_Karwoche_2020

Zum Palmsonntag die erste Strophe eines der Lieder aus unserem Evangelischen Gesangbuch für diesen Tag (EG 14), das „Tor“ zur Karwoche:

„Dein König kommt in niedern Hüllen,

ihn trägt der lastbarn Es´lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen;

so ist´s dem Herren angenehm.“

 

Sonnabend, 4. April 2020

„Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken.“

Aus dem Römerbrief des Apostels Paulus (1,20)

Gott zeigt sich seiner Welt, sagt Paulus mit diesem Satz, den er zu Beginn seines Briefes an die christliche Gemeinde in Rom seinem Schreiber Tertius in die Feder diktiert (vgl. Römer 16,22).

Gott zeigt sich seiner Welt, lässt sich erkennen, sagt Paulus, und im Zusammenhang seines Briefes klingt in diesen Zeilen ein durchaus kritischer Unterton mit; seine Anfrage an all´ diejenigen, die, so seine Auffassung, doch von Gott wissen könnten durch bloßes Hinsehen auf sein Schöpfungswerk, auf die Welt, die uns umgibt, die Gott aber dennoch nicht ehren, mit ihm nichts zu tun haben wollen und dann zudem noch ungerecht sind untereinander (vgl. Römer 1,18-23).

Gott zeigt sich seiner Welt, lässt sich erkennen an seinen Werken.

Seine Schöpfung, die erholt sich in diesen Tagen, kommt neu zu Atem. Das ist so und das ist gut so. Das mag der gegenwärtigen, krisenhaften Zeit zumindest diesen Sinn, besser: äußerst positiven Nebeneffekt verleihen. Welchen Sinn diese Krise insgesamt hat, das wird sich, wenn überhaupt, erst im Rückblick feststellen lassen. Und das immense Leid, das diese Krise auch über Menschen bringt (im Rückblick dann: gebracht hat), darf bei einer solchen Bewertung keinesfalls aus dem Blick geraten.

Gott zeigt sich seiner Welt, in seiner Schöpfung. Noch wichtiger als dieser Gedanke ist mir gerade in diesen Tagen allerdings noch ein anderer: Gott zeigt sich für uns als Christinnen und Christen unverwechselbar in seinem Sohn, in Jesus Christus. In ihm ist Gott Mensch geworden wie wir, damit wir lernen können, was wahre Menschlichkeit ist. In ihm zeigt er sich in der Tiefe seines Wesens: als Zuwendung, Erbarmen, Mitleiden, Hingabe und Liebe. Das auch füreinander zu sein, auch und gerade in diesen Tagen, lässt auch „Gottes unsichtbares Wesen“ sichtbar werden.

 

Freitag, 3. April 2020

„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Aus dem Epheserbrief (5,8-9)

„In der Krise zeigt sich der Charakter“, diesen Satz habe ich vor einigen Tagen von einer Frau aus unserem Dorf gehört. Was Sie damit meinte: in Zeiten wie den gegenwärtigen lässt sich besonders deutlich erkennen, wie Menschen tatsächlich ticken, da fällt manche Maske sonstiger Wohlanständigkeit und guten Benehmens. In der Krise zeigt sich, wer tatsächlich mehr als nur sich selbst im Blick hat, wer dazu in der Lage ist, über die eigenen Belange und Bedürfnisse hinauszublicken und dem nicht nur das eigene Wohlergehen wichtig ist, sondern auch das seiner Mitmenschen.

Ich erlebe sehr viel Mitmenschlichkeit, Solidarität und Fürsorge in diesen Tagen.

Aber ich erlebe leider auch manche Rücksichtslosigkeiten –

sei es in der Schlange im Supermarkt, in der (trotz Abstandsgebot, das mittlerweile allen bekannt sein müsste und durch aufgeklebte Streifen auf dem Fußboden eigentlich auch unübersehbar ist) gedrängelt und „überholt“ wird;

sei es in Arztpraxen, wo ebenfalls angezeigte Schutzmaßnahmen nicht respektiert und geachtet werden und zudem Mitarbeiter angeschimpft werden, weil zur Zeit eben nicht alles so ist, wie es sonst doch immer war.

„Wandelt als Kinder des Lichts“ – zeigt doch viel eher diese Seite Eures Charakters, die Ihr mit Gottes Hilfe, in der lebenspendenden Kraft seines Lichtes nähren und wachsen lassen könnt, sagt der Autor des Epheserbriefes. Brecht auf aus finsteren Ich-Bezogenheiten und Rücksichtslosigkeiten, gerade in diesen Tagen, und seid gütig, gerecht, wahrhaftig. Denn so könnte die gegenwärtige Krise, die uns alle auf je unterschiedliche Weise betrifft, zur gemeinsamen Chance werden, zum Besseren verändert durch sie hindurch und aus ihr hervorzugehen.

 

Donnerstag, 2. April 2020

„Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.“

Aus Psalm 71,17

Da spricht einer, der mit Gott groß geworden ist, der jetzt, so klingt es, in schon gesetzterem Alter ist, der aber immer noch („noch jetzt“) an seinem Glauben festhält, noch immer staunen kann über das, was das Leben so bereithält und der auch spricht über das, was ihm Hoffnung ist – „noch jetzt verkündige ich deine Wunder“, sagt er.

In wievielter Generation sind wir gläubig? Wer hat an uns den Glauben an Gott und sein liebevolles, heilvolles Handeln an Welt und Menschen weitergegeben? Und wem erzählen wir davon, wo und wann, in welchen Situationen? Und wann und wo und mit welchen Anliegen wenden wir uns an Gott?

„Not lehrt beten“, sagt das Sprichwort.

Dann müsste die Welt jetzt gerade voller Gebete sein, förmlich überquellen.

„Not lehrt beten“ – ich mag diesen Satz nicht besonders. Er mag wahr sein. Aber ich mag ihn nicht besonders, weil er leicht zynisch oder nach erhobenem Zeigefinger klingen kann. Und das brauchen wir gerade gar nicht.

Was wir in dieser Zeit brauchen, das sind jedoch tatsächlich Beter. Aufrichtige, treu sorgende, grund-fromme, gewissenhafte Beter, die sich auch und gerade in den Bedrängnissen und Nöten dieser Zeit an Gott wenden, alles vor ihn bringen, vor Gott füreinander eintreten und so beitragen zu Trost und Stärkung.

Jeder und jede kann das tun, an seinem, an ihrem Ort, und zu jeder Zeit.

 

Mittwoch, 1. April 2020

„Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.“

Aus dem Buch des Propheten Jesaja (65,19)

Die Gefangenschaft ist zu Ende. Kein Weinen und Klagen mehr. Neue Freude. Neues Leben.

Rückkehr aus Babylon, darum ging es damals. Rückkehr und Befreiung, der Gott den Weg bereitet, über die Gott sich freut, so sagt es der Prophet.

Die Gefangenschaft in Babylon – eine Zeit der Bedrängnis, Not und Traurigkeit war das damals.

Ein Eingesperrt-Sein, einen Ausnahmezustand ganz anderer Art erfahren wir in diesen Tagen. Und in noch viel dramatischeren Ausmaßen als in unserem Land erfahren es unsere europäischen Nachbarn Spanien und Italien.

Dass viele Menschen in Italien dennoch nicht aufhören, zu singen, das war schon zu Beginn der derzeitigen Krise zu sehen: mit spontanen Musikeinlagen auf diversen Balkonen.

Nun gibt es ein weiteres bewegendes musikalisches Zeugnis auf „YouTube“: ein internationaler italienischer Opernchor fand sich per Video zusammen, jeder und jede in seinen/ihren eigenen vier Wänden. Und alle gemeinsam singen sie den berühmten Gefangenenchor als Guiseppe Verdis Oper „Nabucco“: „Va, pensiero, sull´ali dorate“ („Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“). Sie singen für ihre Landsleute, für die Kranken, Sterbenden, Verstorbenen, für alle Helferinnen und Helfer, für Krankenschwestern und Pfleger, für Ärztinnen und Ärzte, für alle, die in diesen Wochen weit über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus arbeiten, sich zum Wohle und zur Hilfe aller mühen und einsetzen.

In Verdis Oper „Nabucco“ ist es das in Babylon gefangengehaltene Volk Israel, das so singt. Es ist das Volk, dem der Prophet Jesaja sagt: es kommt eine Zeit, in der die Stimme des Weinens und des Klagens nicht mehr zu hören sein wird; eine Zeit, die wieder erfüllt sein wird von Leben und Freude.

Die Hoffnung auf ein Ende der derzeitigen Bedrängnis – möge unser Gott sie uns allen schenken, sie in uns wachhalten, damit wir standhalten und seine Ermutigung erfahren für jeden neuen Tag.

 

Dienstag, 31. März 2020

„Durch Jesus Christus werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus (2,22)

Unsere Kirchen gelten als Wohnungen Gottes, als Orte, an denen man sich Gott besonders nahe fühlen kann. Auch unsere St. Martin-Kirche hier in Morsum ist so ein Ort. Sie ist ein „durchbeteter“ Raum, so empfinde ich das. Sie empfängt jeden, der eintritt, mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre. Seit 800 Jahren werden Gottesdienste gefeiert in unserer Kirche, wird hier gebetet, erleben Menschen diesen Ort als Zuflucht, als Ort der Vergewisserung und Stärkung, als Ort, an dem Seele und Geist Ruhe finden können. Das ist auch in diesen Tagen so.

Kirchen sind Wohnungen Gottes, in die wir Menschen unseren Gott einladen. Wir können uns glücklich schätzen, wenn Gott diese Einladung annimmt und uns seine Gegenwart spüren lässt in dem Haus aus Stein, das unsere Vorfahren für ihn gebaut haben.

Kirchen sind Wohnungen Gottes. Aber, Gott Lob, nicht nur sie.

Ihr Christinnen und Christen, sagt der Autor des Epheserbriefes, werdet „durch Jesus Christus … mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Gott will in uns Menschen wohnen; nicht nur an einzelnen, speziell dafür ausgesonderten Orten, sondern in jedem und jeder von uns. Gott macht uns zu seiner Wohnung, er will bei uns einziehen. Er will in uns wohnen und so auch durch uns wirken.

Kirche, christliche Gemeinde und Gemeinschaft, lebt nicht durch die Häuser aus Stein, und seien sie noch so schön. Christliche Gemeinde baut sich aus Menschen, jeder und jede ein Ort von Gottes Gegenwart, miteinander verbunden durch Gottes Geist, im Beten und Bitten füreinander, im Handeln füreinander und aneinander, in der Liebe.

 

Montag, 30. März 2020

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“

Aus dem Buch des Propheten Jeremia (8,4)

Gute zwei Wochen sind es jetzt, die wir wegen des sich ausbreitenden Corona-Virus im gesellschaftlichen Ausnahmezustand leben. Zwei Wochen erst, sagen die einen. Zwei Wochen schon, sagen die anderen und fordern deshalb auch, diese Beschränkungen jetzt schon möglichst bald wieder aufzuheben und so rasch wie möglich zurückzukehren zum „normalen“ Leben.

Diese Rufe waren zu erwarten, weil es unserer menschlichen Natur so gar nicht entspricht, Situationen auszuhalten, die wir nicht kontrollieren können und auf die wir keinen Einfluss haben. Machtlosigkeit und Ausgeliefert-Sein sind schwer zu ertragen.

Jenseits dessen jedoch gibt es wohl auch niemanden, der den gegenwärtigen Zustand länger aufrechterhalten will als nötig. Wer von uns will nicht gern „wieder aufstehen“, „wieder zurechtkommen“, wie der Prophet Jeremia es sagt? Schon für alle die ist das zu wünschen, die sich derzeit aufreiben zur Hilfe für Kranke und für unser aller Wohl, in Arztpraxen, in Krankenhäusern und Pflegeheimen – dass sie nicht länger arbeiten müssen weit jenseits der Grenzen ihrer Belastbarkeit. Für die, die dafür sorgen, dass wir unseren täglichen Bedarf decken können und die sich dabei selbst hohen Risiken aussetzen – dass sie ihren Berufen bald möglichst wieder ohne diese zusätzliche Gefährdung nachgehen können. Für alle die, die in wirtschaftliche Not geraten in diesen Tagen und deshalb voller Sorge sind – dass es bereits jetzt ganz handfeste auch finanzielle Hilfe gibt und dass sich für sie neue Wege auftun in der Zeit nach Corona.

Wieder aufstehen und wieder zurechtkommen – wer will das nicht? Das ist verständlich und das ist zu wünschen. Zu wünschen ist jedoch auch, dass wir Geduld bewahren und größtmögliche Besonnenheit. Die Krise ist (leider) noch nicht vorüber. Aber wir können einander helfen, sie durchzustehen, indem wir einander weiter beistehen, weiter aufeinander achten, füreinander beten, nacheinander fragen und uns täglich umhören, wo wir konkret helfen können. Uns allen zur Stärkung und Ermutigung.

 

Sonntag, 29. März 2020

FÜNFTER SONNTAG DER PASSIONSZEIT, JUDICA

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“

Wort für diese neue Woche aus dem Matthäusevangelium (20,28)

„Menschensohn“ –

so hat Jesus sich wohl tatsächlich selbst genannt, so hat er von sich selbst gesprochen.

„Menschensohn“ –

das ist einer, der von Gott kommt, der mit Gott in ganz besonderer Weise in Verbindung steht, den die Menschen jedoch als einen der ihren erkennen können, der ihnen gleicht, der das menschliche Leben kennt und selbst erlebt hat mit all´ seinen Facetten, seinen großartigen Möglichkeiten, aber auch allen Abgründigkeiten.

„Menschensohn“ –

das ist einer, der von Gott kommt, von Gott gesandt ist und menschliches Leben so auch zurückbringen kann zu Gott, es versöhnen kann mit Gott, indem er dient und nicht herrscht, indem er sein menschliches Leben so lebt, wie Gott es ursprünglich gewollt und gedacht hat, im Einklang mit Gott und in bedingungsloser Hingabe.

Der Menschensohn gibt sein Leben für das der Vielen, auch für uns. Gott schenkt sich uns in ihm. Dabei hat er dem Leben den Tod nicht erspart, aber dem Tod in der Auferweckung Jesu die Macht genommen. In seinem Geist schafft er neues Leben.

Aus dem Wochenlied für diese Woche (EG 97, Strophe 1):

„Holz auf Jesu Schulter,

von der Welt verflucht,

ward zum Baum des Lebens

und bringt gute Frucht.

Kyrie eleison,

sieh, wohin wir gehen.

Ruf uns aus den Toten,

lass uns auferstehn.“

 

Sonnabend, 28. März 2020 

„Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.“

Aus Psalm 147,11

Sylt ganz im Osten – da, wo die Sonne aufgeht!

Mit diesem Foto habe ich gestern unter dem Motto „Gutes weitergeben in diesen Tagen“ eine kleine WhatsApp-Umfrage gestartet: Was tut Euch jetzt gerade gut auf Eurem Weg in dieser Zeit?, habe ich gefragt. Woraus schöpft Ihr Hoffnung und Zuversicht? Was schenkt Euch Mut? Wenn ihr mögt, schickt mir Eure Texte, Worte, Bilder. Und wenn ihr´s mir erlaubt, schreibe ich davon auf unserer Homepage.

Das will ich heute tun, habe mich gefreut über alle Rückmeldungen.

Anja hat geantwortet und geschrieben: „Das Mehr an Zeit tut mir gut und meine Hoffnung schöpfe ich aus der Zuversicht, dass es eine Zeit nach Corona geben wird, in die wir vielleicht ein wenig von diesem ´Mehr´ an Zeit mitnehmen können.“

Claudia hat geschrieben und dieses Bild mitgeschickt: „Ein Ausritt am Weststrand hat mich Hoffnung und Zuversicht tanken lassen.“

Für einige Morsumerinnen und Morsumer ist es gerade dieser besondere Ort in unserem Dorf auf dem Foto mit dem „Torbogen“ aus Geäst und Zweigen, durch den man hindurchlaufen (mit Hund oder ohne) oder reiten oder joggen kann, dort stehenbleibt, auf´s Meer blickt und zur Ruhe kommt und neue Kraft tankt.

„Wir können wieder Ehrfurcht lernen in dieser Zeit“, auch diesen Satz habe ich von einer Frau aus unserem Dorf gehört in diesen Tagen, beim Gespräch über den Gartenzaun, Sicherheitsabstand dazwischen.

„Ehrfurcht“ – davon ist auch im Psalmwort für diesen heutigen Tag die Rede, denn: Gott zu „fürchten“, wie es dort heißt, meint ja, wir sollen „Ehrfurcht“, nicht aber Angst vor ihm haben.

Ehrfurcht empfinde ich vor dem, der größer ist als ich, der mehr Weitblick hat als ich, von dem ich erlebe, dass er mich weise und achtsam durch die Zeiten geleitet, durch die stürmischen oder auch durch die stillen, aber dennoch bedrohlichen Zeiten wie gerade jetzt. Ehrfurcht zu empfinden für meinen Gott, weil er gütig ist, treu und beständig in seiner Liebe – mich darin zu üben, auch dafür sind diese Tage gut.

 

Freitag, 27. März 2020

„Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“

Aus dem 1. Johannesbrief (3,19-20)

„Erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind …“ – woran merken wir, dass wir ein Leben führen, das mit Gottes Willen im Einklang steht? – diese Frage hatte den Autor des 1. Johannesbriefes offenbar erreicht von Christinnen und Christen seiner Generation und aus seinem Lebensumfeld, und so versuchte er sich (schriftlich) an einer Antwort.

Wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, dass wir Entscheidendes begriffen haben von Gott, sagt er, wenn wir in allem nicht stehenbleiben bei unserem menschlichen Maß, sondern uns mit unserem ganzen Leben, mit Herz, Seele und Geist in Gottes so viel weiteren Horizont stellen.

Gott blickt weiter und tiefer als wir Menschen es je könnten. Und vor allem: seine Güte, seine Geduld und Barmherzigkeit und seine Liebe reichen soviel weiter als unsere menschliche Geduld und Liebe. Unser Herz „verdammt“ uns recht schnell, uns und andere. Dann werden wir ungnädig, unleidig, ungeduldig, engstirnig und engherzig mit uns selbst und so (ganz automatisch) auch mit den Menschen, mit denen wir unser Leben teilen, denen wir begegnen. Wir machen uns selbst und anderen das Leben schwer.

Befreiend kann es da sein, zu hören: „Gott ist größer als euer Herz“, größer, weitsichtiger, geduldiger, liebevoller, und er schenkt sich Euch genauso. Wenn wir das hören und annehmen können, haben wir die Chance, auch das eigene Herz wieder zu öffnen, aus lebensfeindlichem Hadern herauszufinden, es hinter uns zu lassen und freundlich, achtsam, gnädig zu sein mit uns und unseren Nächsten. Tag für Tag.

 

Donnerstag, 26. März 2020

„Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Umkehr, die niemanden reut.“

Aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus (7,10)

Nach Gottes Willen traurig zu sein – kann ich mir vorstellen, dass es das gibt? Kann ich mir vorstellen, dass Gott will, dass ich traurig bin? Sollte der Glaube nicht in erster Linie fröhlich stimmen und heiter? Was für ein Gott ist das, der – so Paulus – Traurigkeit nicht nur zulässt, sondern sie sogar will, sie herbeiführt bei seinen Menschen? Und wozu sollte das dann gut sein?

Zu tiefen, wirklichen Veränderungen kommt es nur durch Krisen (und den damit zuallermeist verbundenen Traurigkeiten) hindurch – das ist nicht schön, aber das ist (leider) wahr. Das erleben wir auch gerade jetzt. Krisenzeit weltweit. Und es gibt wohl niemanden, der sich das alles so herbeigewünscht hat, wie es jetzt gerade ist.

Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt Umkehr, sagt Paulus, die Chance auf wirkliche Veränderung.

Wo ist eigentlich Greta, fragt in diesen Tagen immer wieder mal jemand. Noch vor kurzer Zeit, vor Corona, war „Fridays for Future“ in aller Munde, und das zurecht. Auch diese Bewegung ein Ruf zur Umkehr im Denken und im Handeln, in der gesamten Haltung unserer Umwelt, der Natur, der Schöpfung Gottes gegenüber. Was alle Appelle dieser Bewegung und aller Demonstrationen zuvor nicht bewirkt haben, bringt nun diese Zeit hervor: drastisch sinkende CO2-Emissionen, kaum noch Smog über Peking, Flussläufe, die sich regenerieren, in denen Fische wieder leben können.

Was davon hinüberzuretten ist in die Zeit nach Corona, ob es ein wirkliches Umdenken, wirkliche Umkehr gibt, muss sich erst noch zeigen. Die Chance aber besteht. Die Chance auf eine Umkehr, die niemanden reut. Eine Umkehr, die erwachsen ist aus krisenhafter Traurigkeit, die aber zum Besseren führen kann, „zur Seligkeit“, Gott ein Stück näher.

 

Mittwoch, 25. März 2020

„Alle miteinander bekleidet euch mit Demut.“

Aus dem 1. Petrusbrief (5,5)

Der Himmel über Morsum

Heute in genau 9 Monaten ist Weihnachten. Daran zu denken, danach ist uns allen zur Zeit vermutlich gar nicht. Dieser genaue zeitliche Abstand aber ist der Grund dafür, dass heute (auch in der evangelischen Kirche) ein Marien-Tag gefeiert wird:

Heute am 25. März ist der „Tag der Verkündigung des Herrn“. Der Tag, an dem in besonderer Weise an die Begegnung von Himmel und Erde gedacht wird, an die Begegnung vom Himmelsboten Gabriel mit Maria, der irdisch-menschlichen Mutter Jesu. Gott hat einen Auftrag für Dich, sagt Gabriel ihr. Er möchte, dass Du seinen Sohn und damit Gott selbst zur Welt bringst. Gott will aus der Weite und Höhe des Himmels herabkommen auf die Welt, mitten hinein ins menschliche Leben, will nicht fern und unberührbar sein, sondern ganz nahe dran an uns Menschen, aus Liebe.

Wir wissen, wie sie ausging, diese Begegnung von Gabriel und Maria. Maria hat Ja gesagt zu Gottes Plänen. Demütig und gehorsam habe sie Gottes Plänen für ihr Leben, die Menschen und die Welt zugestimmt, heißt es da oft. ´Demut´ und ´Gehorsam´ – manchem mag das wenig nachahmenswert klingen. Jedoch: die Demut und den Gehorsam Mariens dem Willen Gottes gegenüber sollte man nicht mit blinder Unterwerfung oder Unterwürfigkeit verwechseln. Auf Gott zu hören, nach seinem Willen zu fragen und danach zu leben, Tag für Tag, so gut wir es als Menschen eben vermögen, das zerstört Selbstbewusstsein nicht, das macht nicht klein, sondern das richtet auf, das ermutigt und stärkt für jeden weiteren Schritt. Gott ist mit uns. Gott ist dabei. Der Himmel nahe bei uns.

 

Dienstag, 24. März 2020

„Darum lassen auch wir nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht.“

Aus dem Kolosserbrief (1,9)

Manch einer wüsste in diesen Tagen gern, warum uns das jetzt alles geschieht, warum wir diese tiefe, weltweite Krise erleben, durchleben und durchleiden müssen. Manche haben da sehr schnell Antworten parat, können mit erstaunlicher Gewissheit von Corona als einer neuen „Geißel Gottes“ sprechen. Moralische Verfehlungen sind es dabei zumeist, die als Grund für dieses als notwendig gedachte strafende Handeln eines zornigen Gottes gesehen werden. Wer so redet (und das geschieht tatsächlich in diesen Tagen!), der ist der Meinung, ganz genau zu wissen, was Gottes Willen ist. Wer so redet, fühlt sich mutmaßlich „erfüllt mit der Erkenntnis seines Willens“.

Ich schrecke vor einer solchen Deutung der gegenwärtigen Ereignisse zurück. Und ich schrecke zurück auch vor denen, die selbstgewiss meinen, die Wahrheit, auch „geistliche Weisheit und Einsicht“ einzig auf ihrer Seite zu haben.

Wir sollen nach Gottes Willen für unser Leben, für unser Handeln, für unsere Welt fragen. Ja. Wir sollen nach geistlicher Weisheit und Einsicht streben und im Gebet füreinander darum bitten, dass wir sie erhalten. Ja. Zum Besitz werden uns diese Gaben damit jedoch nicht. Sie sind flüchtig. Keiner von uns hat die Wahrheit (die Wahrheit Gottes schon einmal gar nicht) gepachtet. Es muss ein Ringen um mögliche Antworten bleiben; ein Ringen, das vor allem eines nicht aus dem Blick verliert: Gott ist zuallererst Liebe und nicht Zorn. So hat er sich gezeigt und zeigt sich uns bis heute in seinem Sohn Jesus Christus. Er lässt uns erkennen, wo wir uns verfehlen. Das tut er. Aber er tut das voller Liebe und Barmherzigkeit. Und er steht uns bei, ist an unserer Seite in allen Tiefen und Abgründen, durch die wir hindurchgehen. Auch in diesen Tagen.

 

Montag, 23. März 2020

„Herr, du bist´s allein, du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit ihrem ganzen Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere, und alles, was darinnen ist.“

Aus dem Buch des Propheten Nehemia (9,6)

Zu dieser Tageslosung erreichten mich heute Gedanken einer kirchlichen Initiative; eine Spurensuche, die mich sehr berührt hat und die ich auf diesem Wege (als pdf-Datei) weitergeben möchte:

Corona-Krise_Spurensuche_202303

 

Sonntag, 22. März 2020

VIERTER SONNTAG DER PASSIONSZEIT, LÄTARE

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Wort für diese neue Woche aus dem Johannesevangelium (12,24)

Von einer notwendigen Verwandlung ist die Rede in diesem Wort: Körner vergehen in der Erde, um mit dem, was an Kraft und Leben in ihnen steckt, Wurzeln, Halme, später Früchte hervorzubringen.

Das Korn, es stirbt. Aber es ist nicht einfach tot. Es bringt neues Leben hervor.

Dieser Sonntag trägt den lateinischen Namen „Lätare“. „Freuet euch“, heißt das.

„Kleines Osterfest“ wird dieser Sonntag auch genannt, weil wir vom Licht des Osterfestes, auf das wir zugehen in diesen Wochen, von der Hoffnung auf neues, verwandeltes Leben an diesem Sonntag schon einiges zu sehen und zu hören bekommen, deutlicher als in den übrigen 7 Wochen der Passionszeit.

Ich mag diesen Sonntag sehr. Gerade jetzt noch einmal mehr. Zu hören ist die Botschaft, dass aus Vergehendem Neues erwachsen kann. Nicht nur auf die Wiederherstellung von Gewesenem dürfen wir hoffen, sondern auf einen wirklichen Neuanfang.

Ein Gebet für diesen Sonntag:

Unser Gott,

du bist der Halt unseres Lebens in Angst.

Du bist uns Zuversicht im Zweifel.

Du bist uns nahe in Traurigkeit.

Erfülle unser Herz mit Freude,

die uns begegnet in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn.

Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

 

Sonnabend, 21. März 2020

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“

Aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus (4,7)

Wie begrenzt wir sind in unserem Planen, Tun und Machen, das merken wir in diesen Tagen überdeutlich. Ausgebremst sind wir alle. Die Welt, so wie sie bisher tickte, steht weitestgehend still und wir müssen es macht- und hilflos mit ansehen. Nicht alle können das gut ertragen. Nicht jedem gefällt es, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Und die Bedrohungen und Sorgen und Nöte, die aus der unsichtbaren Gefahr vielfältig erwachsen, sind ja auch durchaus real. Wenn wir dann momentan erleben: wir können doch noch irgendetwas Gutes und Sinnvolles tun, in der Sorge und Fürsorge für unsere Mitmenschen etwa, dann fühlt sich das gut an. Und unser Gott will ganz entscheidend dazu beitragen, dass wir bei aller Aufgeschrecktheit dieser Tage den Frieden unserer Seelen nicht verlieren oder ihn zurückgewinnen, wenn wir ins Wanken geraten sind. Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, schenkt sich uns. Das ist versprochen.

 

Freitag, 20. März 2020

„Der HERR deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.“

Aus Psalm 27,5

Gute Zeiten sind es gerade nicht. Von einer „Tiefenkrise“ oder auch von „Bifurkationen“ sprechen Zukunftsforscher jetzt mit Blick auf das, was wir gerade erleben. Das sind Geschehnisse, nach denen es keine bloße Rückkehr zur Normalität gibt, weil die bisher bekannte und vertraute Welt sich auflöst. Geschehnisse, die, wenn wir hoffentlich irgendwann versehrt, aber lebendig auf sie zurückblicken können, eine zutiefst veränderte Zukunft hervorgebracht haben.

Veränderte Zukunft – gibt es da vielleicht sogar Dinge, von denen wir möchten, dass sie Teil dieser neuen Zukunft werden, die wir mit hinübernehmen wollen?

Mehrere Menschen, mit denen ich in diesen Tagen sprach, sagten auch: gute Zeiten sind es jetzt gerade nicht, fügten dann aber ein „wobei“ hinzu; wobei: wir besinnen uns doch auch gerade wieder auf das, was wirklich zählt, auf die Verlässlichkeit von Beziehungen. Manch einem gelingt es in dieser zwangsweise entschleunigten Zeit, auszusteigen aus dem sich bislang unermüdlich und ermüdend drehenden Hamsterrad täglicher Hektik. Wir reden wieder miteinander, so richtig, und wir sind verlässlich erreichbar füreinander. Und manch einer fängt sogar wieder an, Bücher zu lesen, ganz analog.

Gott birgt uns im „Schutz seines Zeltes“. Darin bringt er uns zur Besinnung, auch darüber, wie aus nicht eben guten Zeiten neue, veränderte und bessere Zeiten erwachsen können.

 

Donnerstag, 19. März 2020

„Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom (11,29)

Um Treue geht es Paulus. Um die Treue Gottes zu seinen Menschen, die sich alle, ausnahmslos alle, im Glauben mit Gott verbinden können und so von ihm in allem getragen und gehalten werden. Für das Halten dieser Verbindung steht das Gebet, möglich zu jeder Zeit und an jedem Ort. Mir tut das gut, jeden Morgen, jeden Abend, meinen Tag so zu beginnen und ihn so zu beschließen. Auf Gott zu hören, ihm meine Ängste und Sorgen anzuvertrauen, still zu werden und meine Gedanken zu ordnen und zu entwirren, wenn es nötig ist. Mit Gott sprechen, um die gerade in diesen Tagen so wichtige Besonnenheit zurückzugewinnen, wenn sie verlorenzugehen droht. Gott ist treu. Das ist gut.

Ein Gebet und eine Bitte:

Bewahre uns, guter Herr,

unter dem Schatten deiner Barmherzigkeit in dieser Zeit großer Unsicherheit.

Halte und stütze alle, die in Angst sind

und richte alle auf, die gebeugt sind vor Sorge.

Lass uns deine Fürsorge erfahren, deine Treue.

Stärke uns im Glauben, dass nichts uns trennen kann von deiner Liebe,

die in Jesus Christus ist, unserm Herrn. Amen.

 

Mittwoch, 18. März 2020

„Es wartet alles auf dich, HERR, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.“

Aus Psalm 104

Der Beter des 104. Psalms hat tiefes Vertrauen: dass Gott uns ernährt und stärkt, dass er uns satt machen kann, den Hunger des Leibes und der Seele stillt. Mit unseren Sorgen, auch unseren Daseins-Sorgen gerade jetzt, zu ihm kommen, sie ihm bringen, sie vor ihm aussprechen, im Vertrauen, dass er uns hört und uns hilft, unsere Seelen beruhigt – das können wir tun. Die Hand aufhalten und Gutes, Stärkendes, Klärendes hineingelegt bekommen, damit sich die Wege ebnen für unsere nächsten, notwendigen Schritte.